MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Juliane Kleinschmidt
Über Vergangenes reden, dass noch gegenwärtig ist
Vorsitzende des Bundes der Mitteldeutschen
Hardenbergplatz 2
10623 Berlin
Fon: 030 / 2624264
Juliane Kleinschmidt gehört zu den Menschen, in deren Bio-grafie die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ihre Spuren hinterließen. Die gelernte Bankkaufrau arbeitete in leitender Posi-tion im Bankwesen der DDR und entschloss sich im Jahr 1959 dazu, in den Westen zu gehen, da ihr die Verhältnisse im anderen deutschen Staat nicht mehr zusagten.
Mit ihrer Qualifikation hatte Juliane Kleinschmidt keine Probleme, im Westteil Berlins, unter anderem bei einer amerikani-schen Bankfiliale, Arbeit zu finden. Vor allem die hier lebende Verwandtschaft half ihr schnell, heimisch zu werden. Nach dem Fall der Mauer wäre sie gern in ihre Heimatstadt Prenzlau zurückgegangen, doch als sie die Folgen einer jahrelangen Vernachlässigung sah, entschied sie sich, in Berlin zu bleiben.
Vom Fall der Mauer erfuhr Juliane Kleinschmidt während einer Festveranstaltung am Abend des 9. November mit der damaligen Ministerin für Innerdeutsche Beziehungen, Dorothee Willms. Am nächsten Tag war sie ganz früh im Büro, um Lebensmitteltüten mit Apfelsinen und Bananen sowie anderen Leckereien zu packen, die sie dann an den Grenzübergängen in der Invalidenstraße und am Potsdamer Platz an die Besucher aus Ost-Berlin verteilte.
Es versteht sich von selbst, dass Juliane Kleinschmidt und ihre Mitstreiter vom „Bund der Mitteldeutschen“ die dramatischen Veränderungen in der DDR und im Ostblock mit besonderer Freude begrüßten. Der Bund war 1953 als „Gesamtverband der Sowjetzonenflüchtlinge“ entstanden und 1974 umbenannt worden. Im November 2002 übernahm Juliane Kleinschmidt hier den Vorsitz. Hatte der Bund in den ersten Jahren vor allem Flüchtlinge betreut und sie in den ersten Wochen begleitet so konzentrierte man sich später vor allem auf die Betreuung ehemaliger politischer Häftlinge aus dem Ostteil Berlins.
Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung rückte nun die Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Mittelpunkt. „Jetzt ging es eigentlich erst richtig los“, erinnert sich Juliane Klein-schmidt, die kurzzeitig ans Aufhören gedacht hatte. Man half den betroffenen Menschen bei der Beschaffung der nötigen Dokumente, um ihnen zu einer materiellen Entschädigung zu verhelfen, betreute sie und musste sich vor allem immer wieder mit der schon wenige Jahre nach der Einheit einsetzenden DDR- und Stasinostalgie auseinander setzen. „Wir müssen eine Vergangenheit vermitteln, die immer noch Gegenwart ist“, meint Juliane Kleinschmidt kämpferisch und nicht ohne Optimismus.
15 Jahre lang war Juliane Kleinschmidt Bezirksverordnete in Wilmersdorf b.z.w. Charlottenburg/Wilmersdorf.
Für ihre verdienstvolle Arbeit wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.