MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Erika Kastner
Trotz Schicksalsschlägen die Freude am Leben bewahren
Wismarer Str. 22
01587 Riesa
Fon: 03525 / 741159
Erika Kastner wird am 24. Oktober 1933 in Leisnig geboren, wächst mit einem älteren Bruder in Geringswalde auf und denkt gern an eine behütete Kindheit zurück. Diese wird allerdings auch durch die Erlebnisse der Luftangriffe überschattet, die die beiden Geschwister oft zu Hause allein erleben, da die Mutter in einer Munitionsfabrik arbeitet, die Großeltern sind in den Hausschuhwerken tätig.
Gern erinnert sich Erika Kastner an die gemeinsamen Spiele im Freien mit ihren Freundinnen. Da werden mit Kreide Quadrate für das Hopsespiel gezogen oder die Mädchen vertreiben sich die Zeit mit Murmeln. Erika Kastner will einmal in der Landwirtschaft arbeiten, zu diesem Wunsch tragen vor allem die Betteltouren bei den Bauern um etwas zu Essen bei. Sie erlebt, wie die Nachbarn zusammenlegen müssen, damit der Vater am Tag seiner Heimkehr aus dem Krieg, überhaupt etwas zu essen bekommen kann. Das will sie sich künftig ersparen, indem sie fortan selbst an der Quelle arbeitet.
Erika Kastner arbeitet nach der Schule anderthalb Jahre bei einem Bauern und fängt 1950 an, im Hausschuhwerk zu arbeiten. Hier lernt sie verschiedene Abteilungen kennen, arbeitet im Dreischichtsystem im Akkord, die Maschine gibt das Tempo vor.
Im Jahr 1954 heiratet Erika Kastner ihren Mann Erich, der als Schlosser tätig ist. Die gemeinsamen Kinder Dieter, Ralf und Rainer versterben innerhalb von zehn Jahren bereits sehr früh. Später stellt sich heraus, dass der Vater bei seiner Arbeit beim Uranabbau in der SDAG Wismut verstrahlt worden ist. „Das war eine furchtbare Zeit, in der uns vor allem der Zusammenhalt in der Familie geholfen hat“, erinnert sich Erika Kastner. Trotzdem beweist sie in dieser Zeit eine außergewöhnliche Stärke, die ihr den Mut zum Weiterleben und später auch wieder die Freude am Leben ermöglicht. „Ich bin ein Mensch, der stets vorwärtsschaut und nicht rückwärts“, meint sie dazu. Ihr Mann Erich verstirbt im Jahr 2015.
Seit Ende der achtziger Jahre erhält Erika Kastner eine Invalidenrente und trifft sich bis heute immer wieder gern mit ehemaligen Kollegen aus der Hausschuhfabrik auf eine Tasse Kaffee zum gemütlichen Plausch. Sie blickt mit Stolz auf ein Leben zurück, in dem sie alles mit ihrer eigenen Hände Arbeit erreicht hat. Sie ist glücklich, noch halbwegs eigenständig in den eigenen vier Wänden leben zu können, auch wenn die Krankenschwester drei Mal am Tag vorbeischaut. Erika Kastner verbringt ihre Tage vor allem mit dem Lösen von Kreuzworträtseln und bei der Lektüre von Tier- und Abenteuergeschichten. Sie will so lange wie möglich selbstbestimmt in ihrer Wohnung leben.