MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Burkhart Jovy
Was wird aus dem Kürschnerhandwerk?
Kürschnermeister
Inhaber Pelz & Leder Jovy
Kavalierstr. 70
06844 Dessau-Roßlau
Fon: 0340 / 215595
Als Sohn und Enkel zweier Kürschnermeister 1937 geboren, fand Burkhart Jovy vorerst kein Interesse an diesem Beruf, wollte lieber nach dem Abitur 1956 ein Studium aufnehmen. Doch ein besonderes Kriterium bei der Zulassungsauswahl in der DDR war die soziale Herkunft. Als Arbeiter- oder Bauernkind hätte er gute Chancen gehabt, nicht so als Sohn eines selbstständigen Handwerkers. Also blieb ihm nichts weiter übrig, als „erstmal“ einen Beruf zu lernen und das tat er dann in einem sehr, sehr guten privaten Kürschner-Handwerksbetrieb in Leipzig. Die fundierte Ausbildung, die kreativen Möglichkeiten beeindruckten ihn. Er fand Gefallen an dem Beruf und blieb als Geselle in dieser Firma. Nachdem der Meister nach Westdeutschland ging, musste er – jung an Jahren und Erfahrungen – den Betrieb mit seinen zehn Mitarbeitern eigenständig ein Jahr weiter leiten, um bestehenden Aufträge zu erfüllen und ihn danach abwickeln. Zeitlich passte dies gut, weil er unmittelbar danach die Deutscher Kürschnerschule in Leipzig besuchen konnte. Die Fachrichtung Pelzkonfektion war Ausbildungsinhalt, sein eventueller Einsatz in der Pelzindustrie Anlass für diese Fortbildung. Es war ja nicht klar, ob er je eine Gewerbegenehmigung und damit die Selbstständigkeit erlangen würde. Privates Handwerk wurde in der DDR nicht gefördert. Doch eventuelle Chancen im Blick behaltend, entschied sich Burkhart Jovy zusätzlich für eine Meisterausbildung, erlangte 1962 den Meisterbrief. Im väterlichen Betrieb nahm er die Arbeit auf, erhielt im gleichen Jahr eine Gewerbegenehmigung und damit die Möglichkeit das Unternehmen des Vaters weiterzuführen, der sich aus gesundheitlichen und Altersgründen zurückzog. Die erste Herausforderung war, den etwas veralteten Betrieb neu aufzubauen, zu vergrößern, zu modernisieren, von drei auf zehn Mitarbeiter zu erweitern, um der Nachfrage entsprechende Leitungsfähigkeit entgegensetzen zu können. Er avancierte schnell zum Ausbildungsbetrieb, galt bei Handerkerkollegen als erste Adresse, wenn die eigenen Kinder auf die Fortführung der elterlichen Traditionen vorbereitet werden sollten. Auch im kreativen Bereich galt er als Vorreiter, kann auf viele 1. Preise bei den jährlichen Modell-Wettbewerben der DDR und im sozialistischen Ausland verweisen. Wegen dieser modischen Erfolge und für solide Handwerksarbeit bekannt, verhalf das nach der Wende zu weiterhin guter Auslastung. Nicht nur Reparaturen und Umarbeitungen standen auf dem Plan, sondern auch viele Neuanfertigungen und Auftragsproduktionen für namhafte Modedesigner wie Bogner und Escada. In über 50 Jahren Selbstständigkeit bildete Burkhart Jovy über 60 Lehrlinge und ungefähr 30 Meister (Dozent an der Betriebsakademie des Handwerks in Leipzig) aus und doch wird sein Handwerksbetrieb schließen, wenn er ihn nicht mehr betreibt. Von den ca. 420 Kürschnerbetrieben aus DDR-Zeiten, sind heute nur noch ca. 40 am Markt – Tendenz fallend. Die Zeiten haben sich verändert, Pelz und Lederwaren sind in andere Konfektionsbetriebe eingeflossen und die Tierschützer haben ebenso ihren Anteil am Verfall von Pelz als Modefaktor. Aus ehemals zwei Geschäften hat sich Burkhart Jovy zurückgezogen, erfüllt in der Werkstatt noch ausgewählte Aufträge und will sich im Jahr 2015 ganz aus dem Gewerbe verabschieden. Dann ist mehr Zeit für Tennis und Golf geplant, sowie für Fahrten mit Ehefrau Helga (gelernte Verkäuferin Uhren & Schmuck und in der Firma des Mannes integriert) zur Tochter Constanze (Juristin), ihrem Mann und den beiden Enkeln. „Ich bin 77 und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein“, sagt er dazu.