MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Brigitte Illguth
„In einer glücklichen Familie herrscht Liebe, in einer unglücklichen Spannung.“ (Alexander Sutherland Neill)
Schuhfacharbeiterin
Rüdigsdorf 17
04655 Frohburg OT Rüdigsdorf
1940 in die Kriegszeit hineingeboren, lernte das Mädchen Brigitte Müller ihren Vater erst kennen, als dieser 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Die Mutter hatte in der Zwischenzeit mit den Großeltern die zuvor gemeinsam geführte Gaststätte mit integrierter Poststelle weiter am Laufen gehalten. Dass die Großeltern eine kleine Landwirtschaft betrieben war dabei genauso von Vorteil, wie das Zusammenwohnen mit den Großeltern als Großfamilie. Oft brachte der Opa Obst vorbei. „Damals spielte sich alles in der Gaststätte ab. Da wurde getrunken, gegessen, die Post aufgegeben, meine Mutter gab Lebensmittelkarten aus, zahlte Renten aus, kassierte Zeitungs- und Rundfunkgeld und schaffte im Winter die Weihnachtspakete mit dem Schlitten zu den Leuten....“ berichtet Brigitte Illguth vom Erleben aus ihrer Kindheit. „Oft hieß es beim Kassieren: ‚mein Mann bekommt erst nächste Woche Geld, könnt ihr nächste Wochen nochmal kommen’.....ärmlich war das damals, aber die Menschen kannten es nicht anders, waren trotzdem zufrieden....“ führt sie ihren Bericht fort. Der Weg in die Schule Rüdigsdorf mit vier Klassen in einem Zimmer und später in die Schule Kohren-Sahlis musste zu Fuß bewältigt werden. „Und da gab es noch andere Winter wie jetzt....“ beschreibt sie herausfordernde Zeiten. 1946–1954 absolvierte sie die Schule, wäre danach gerne Schneiderin geworden. Doch die Aufbauzeit nach Kriegsende verlangte nach anderen Berufen. Nach Möglichkeit sollten auch die Mädchen Maurer oder Schlosser werden. Das wollte Brigitte Müller dann doch nicht und entschloss sich statt einer Lehre gleich die Arbeit aufzunehmen. Erst wurde sie in der Kammfabrik tätig, später in der Bella-Schuhfabrik. Hier nutzte sie die Möglichkeit den Facharbeiterbrief als Schuhfacharbeiter zu erlangen. Am Standort gab es nur ca. 25–30 Beschäftigte. Das führte dazu, dass gegenseitige Ersetzbarkeit wichtig war. Brigitte Illguth arbeitete deshalb „als Mädchen für alles“, als Stepperin, in der Endkontrolle und anderen Bereichen. Sie vertrat auch die Meisterin wenn es sein musste. 1961 heiratete sie den Steinsetzer, Berufsfeuerwehrmann und Busfahrer Horst (verstorben 2010). Die Kinder Thomas (Kraftfahrer) und Sylke (Chemiefacharbeiterin, Verkäuferin) vervollkommneten die kleine Familie, die indessen um drei Enkel erweitert ist. Der politischen Wende in der DDR und dem Aus für viele sozialistische Betriebe, fiel auch ihr Arbeitsplatz zum Opfer. „Wir wurden auf Kurzarbeit gesetzt, aber mit null Stunden“, berichtet sie vom Übergang in die Arbeitslosigkeit. „Positives der Wende? Wir waren erst einmal alle sauer, weil wir keine Arbeit mehr hatten!“ Umschulungen, Qualifizierungsmaßnahmen wurden nun zum Alltag. Beschäftigung gab es nur noch zeit-und stundenweise in einem Eiscafè. „Dann wurden meine Eltern krank und meine Mutter pflegebedürftig und ich habe mich darum gekümmert“, beschreibt sie ihren Ausstieg aus dem Berufsleben. Mit 60 Jahren ging sie in die Rente. „Ich bin in dem Haus hier geboren, und bin nie umgezogen“, erzählt Brigitte Illguth von ihrem Wohnhaus das einst die Gaststätte der Großeltern beherbergte. Feld, Garten und Viehhaltung gehörten damals mit dazu. Heute hat sie nur noch drei Hühner und eine Katze, beschäftigt sich mit Gartenarbeit und genießt die freundliche, ehrliche und hilfsbereite Nachbarschaft. Die ermöglicht ihr Urlaubsreisen unbeschwert durchführen zu können und die Tiere trotzdem gut versorgt zu wissen. Gleiches leistet sie natürlich auch für ihre Bekannten. „Es ist ein geben und nehmen“, wie sie sagt. Im Rentnerverein trifft man sich einmal monatlich, erlebt gemütliche Nachmittage, Ausflüge und Kurzfahrten. Weihnachten in Familie ist der jährliche Höhepunkt. Gesundheit ist der größte Wunsch, denn die Ostseereise mit der Tochter soll bald starten. Familienzusammenhalt hat Brigitte Illguth von Kindesbeinen an kennenlernen dürfen und es geschafft ihn auch in ihrer eigenen Familie zu etablieren.