MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Hubert Grätz
40 Jahre Richter-Amt in DDR und BRD
Richter i. R.
Dübener Landstr. 16 a
06774 Muldestausee OT Schwemsal
Fon: 034243 / 22161
Wenn Hubert Grätz, 1947 als Sohn eines Tischlermeisters und einer Hausfrau geboren, während der Schulzeit über sein künftiges Berufsleben nachdachte, war es die technische Richtung, die er anstreben wollte. Doch nach dem Abitur (Ausbildung Elektromonteur mit Abitur) und kurzer Arbeitszeit musste der Wehrdienst absolviert werden und während dieser Zeit wandelte sich diese Vorstellung. Jura zu studieren manifestierte sich in ihm. 1969–1973 studierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin, lernte die Hauptstadt aus dem Studentenwohnheim heraus kennen. Frühzeitig der Berufslenkung unterliegend, war für Hubert Grätz eine Zukunft als Richter entschieden. Am Kreisgericht Bitterfeld begann der Diplom-Jurist als Richter-Assistent und war in dieser Funktion schon mit verantwortungsvollen Richter-Aufgaben in der Vorbereitung betraut. In der DDR konnte nur Richter werden, wer vom Kreistag gewählt wurde. Auch über den Wahlvorschlag zu seiner Person stimmten die Abgeordneten ab, wählten ihn zum Richter. Wie in der BRD, hatte auch in der DDR der künftige Richter einen Eid zu leisten, für eine ehrenhafte, unvoreingenommene und präzise Rechtssprechung zu sorgen. 26 Jahre jung war Hubert Grätz, als er das Richter-Amt antrat und war damit einer der jüngsten Richter der DDR. Nach einem Jahr Tätigkeit wurde er im Rahmen der Einberufung zum Reservistendienst am Militärobergericht Leipzig eingesetzt und kaum zurück im zivilen Bereich, ab 1975 als Direktor des Amtsgerichtes Gräfenhainichen. Nach 10 Jahren an das Amtsgericht Wittenberg als Direktor versetzt, wirkte er hier zwei weitere Jahre, bevor man in an das Amtsgericht Bitterfeld zurückholte. Von 1988 bis zum Eintritt in den Ruhestand fungierte er fortan als Strafrichter. Der Richter in zwei gesellschaftlichen Systemen kann er im Rückblick festhalten: Die Ausbildung der Juristen in der DDR war umfassender und lebensnaher (Psychologie, Kriminalistik, Gerichtsmedizin als heute nicht mehr gelehrte Fächer z. B.), die soziale Sicherheit der Menschen ausgeprägter. In seiner Arbeit vor der Wende hatte er persönlich die Möglichkeit mit Menschen aller gesellschaftlichen Bereiche in Kontakt zu kommen: Schöffen von der Hausfrau, über den Lehrer, bis zum selbstständigen Handwerker. Er konnte sich schnell ein Bild von herrschenden Unzulänglichkeiten machen und ein gleichberechtigter Beitritt zur BRD schien viel verheißend. Wenn er dann gleichberechtigt erfolgt wäre.... Dass die Urteile in der DDR im Montagmorgen-Appell in der SED-Kreisleitung festgelegt wurden ist kompletter Unsinn, berichtet er. Ein persönlicher Zwiespalt hingegen war für Richter Hubert Grätz nach der Wende, in einzelnen Fällen Recht sprechen und Menschen verurteilen zu müssen, die zum Ladendieb wurden um zu überleben. Aufstehen ohne Perspektive, ins Bett gehen ohne Perspektive von Tag zu Tag, Woche zu Woche hat Menschen an den Rand der Gesellschaft gebracht, sieht er traurig. Das Richter-Amt in 40 Jahren Tätigkeit bedeutete zwangsläufig immer Problemerfassung und Problembehandlung. Im Ruhstand nicht mehr in dieser Weise gefordert zu sein, genießt Hubert Grätz. Und mit seiner Frau Elke (verheiratet seit 1970) wird die Zeit im eigenen Haus mit Garten nicht lang. Die Söhne Thomas und Matthias sind als Kfz-Mechaniker und Maschinen- und Anlagen-Monteur der Juristerei fern geblieben, haben aber für zwei Enkel gesorgt.