MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Elli und Erhard Gerson
„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts.“ (Johann Heinrich Pestalozzi)
Kindergartenleiterin
Lehrer
Eichberggasse 25
04668 Großbothen
Erhard Gerson ist 1941 in Pommern geboren. Die Eltern bewirtschafteten ein bäuerliches Grundstück um die Familie mit insgesamt fünf Kindern zu ernähren. 1946 erfolgte die Flucht von Pommern nach Sachsen. Flüchtlingsfamilien waren nicht überall willkommen, schon gar nicht kinderreiche ohne Vater. Dieser kam erst spät aus der Gefangenschaft. Erhard erinnert sich aber gerne an seine Schulzeit zurück und daran wie engagiert und kulturell aktiv seine Lehrer waren. Sie vermittelten nicht nur Wissen, sondern auch die Liebe zum Lehrerberuf, wie man daran erkennen kann, dass fünf Schüler der Klasse später diesen Berufsweg einschlugen. Einer davon war Erhard Gerson. Anfangs nicht sehr begeistert und mehr für das Handwerk schwärmend, absolvierte er nach der 8. Klasse am Institut für Lehrerbildung Leipzig eine Ausbildung (1955–1959) zum Grundschullehrer und arbeitete danach vier Jahre im Beruf (Grundschule Weßnig im Kreis Torgau). Die während des darauf folgenden Wehrdienstes genossene Ausbildung zum Tastfunker beeindruckte den jungen Mann nachhaltig und entfernte ihn gedanklich vom bis dahin ausgeübten Grundschullehrer-Beruf. Nach dem Armeedienst von seinem Direktor angesprochen zur Möglichkeit ein Physikstudium aufzunehmen, nahm er diese Chance auf Entwicklung deshalb gerne wahr. 1965–1972 absolvierte er ein Fernstudium zum Physik- und Mathematiklehrer, arbeitete an der 2. Polytechnischen Oberschule in Grimma bis diese 1992 aus Strukturgründen aufgelöst wurde. Seine Neubewerbung als Gymnasiallehrer war zunächst erfolgreich. Eine bildungspolitische Entscheidung (Erhöhung der Stundenzahlen der Lehrer, Lehrer-Überschuss) sollte einerseits zu einem Kündigungsschutz, andererseits zum Einsatz der Lehrer in mehreren Schulen, verbunden mit hohem Fahraufwand und Einschränkungen für experimentellen Unterricht führen. Zudem war für Erhard Gerson nur Unterrichten im Fach Physik angedacht. Er entschied sich deshalb gegen den Einsatz am Gymnasium, arbeitete stattdessen an einer Polytechnischen Oberschule in Grimma bis zum Renteneintritt 2000 weiter. Noch heute ist er ein Tüftler und Bastler und stolz darauf dank seiner Fähig- und Fertigkeiten das eigene Haus eigenständig rekonstruiert zu haben. „Was meinen sie, was das mal für eine alte Hütte war....“ erinnert Ehefrau Elli mit großer Achtung vor der Leistung ihres Mannes. Sie wurde als Tochter von Landwirten in Schlesien geboren, kam mit dem Flüchtlingstreck auf einem Planwagen mit Verwandten nach Großbothen. Der Vater war gefallen, die Mutter arbeitete in einer Gärtnerei, der Bruder als Zimmermann. Das Mädchen Elli besuchte acht Jahre die Schule des Ortes und erinnert sich noch an ihren ersten Schultag: Es gab eine „Zuckertüte“, also eine echte Papiertüte in der sonst Zucker verkauft wurde, die mit Süßigkeiten gefüllt war. In der Spinnerei Naunhof lernte sie zwei Jahre Spinnerin, fand jedoch im Anschluss keine Freude an der Arbeit und dem damit verbundenen Dreischicht-System. Über eine Zeitungsannonce fand sie zur Ausbildung als Kindergärtnerin und wurde danach (erst 21-jährig!) als Kindergartenleiterin in einem Torgauer Kindergarten eingesetzt. Hier fand sie nicht nur Erfüllung, sondern auch ihren Mann. Sie heirateten 1962. Die Kinder Britta (geb. 1965, Röntgenassistentin) und Peter (geb. 1970, Landvermesser) bereicherten bald die junge Familie. Nach vier Jahren wechselte sie in den Kindergarten Großbothen, blieb 10 Jahre dort tätig. 20 Jahre als Leiterin im Kindergarten Großbardau folgten. Mit einigen Wandlungen im Berufsalltag im Zuge der politischen Wende in der DDR konnte sie sich nicht anfreunden. Sie wurde schließlich entlassen. Bis zur Rente 1999 arbeitete sie als Kassiererin im Freibad weiter. Unordnung, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit mögen die Gersons ganz und gar nicht. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen sehen sie deshalb mit Sorge, begründet mit der Beobachtung vom „Verlottern“ in dieser neuen Zeit und der Wiederkehr der Kriminalisierung anders denkender Menschen.