MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Rosemarie Fleischer
Das Leben ist vorherbestimmt (?)
Hermann-Fahlke-Str. 17
06766 Bitterfeld-Wolfen
Fon: 03494 / 20719
1939 geboren, hatte das Mädchen Rosemarie den Traum Lehrerin zu werden. Doch ihre Mutter war bereits 1950 verstorben und die Stiefmutter fand, auf eine „Angeberschule“ müsse das Mädchen nicht gehen. Einen Beruf zu erlernen, Geld zu verdienen wäre sinnvoller. So lernte sie nach Abschluss der 8. Klasse den Beruf einer Textilverkäuferin (1954–1956), blieb bis 1958 in der Konsumgenossenschaft tätig. „Deine paar Mark im Handel! Komm in die Filmfabrik, da kannst du bis zu 400 Mark verdienen“, waren die Worte eines guten Bekannten, die letztendlich zur Arbeitsaufnahme in diesem Betrieb führten. Als Produktionsarbeiterin begann sie 1958. Hochzeit und die Geburt der Kinder Ronald (1960 / Dipl.-Ing. für Feinwerktechnik) und Sybille (1962 / Bürokauffrau) waren private Höhepunkte der folgenden Jahre. Beruflich entwickelte sie sich weiter durch eine Facharbeiterausbildung zur Industriekauffrau (Abschluss 1965). In der Materialbeschaffung tätig, wurde sie 1971 zum Ökonomie-Studium delegiert. Nach vertraglich gesicherter Rückkehr in die Filmfabrik 1974, erhielt sie nun Verantwortung als Abschnittsleiter für ein technisches Lager. Eine sehr schöne, aber auch stressige Arbeit in einer Zeit der Mangelwirtschaft, wie sie erzählt. Die Wende erlebte sie in der Funktion als Gruppenleiterin für Importe bei der Materialbeschaffung und sah in Folge die Auflösung der Strukturen im Betrieb, der auch ihr Arbeitsplatz zum Opfer fiel. Als Sachgebietsleiterin und Gefahrgutbeauftragte für die Filmfabrik hatte sie das Glück ihr Berufsleben noch bis 1995 fortsetzen zu können. Als Frau mit 35 Arbeitsjahren in der chemischen Industrie kam sie in den Genuss einer Sonderregelung, die dann den Vorruhestand ermöglichte. Seit 1999 ist Rosemarie Fleischer Rentnerin. Sie erinnert sich, leichten Herzens die Arbeit aufgegeben zu haben, weil mit der Wende das Betriebsklima unschöne Formen angenommen hatte. Ihre eigene Euphorie über die Einheit Deutschlands war zu dem Zeitpunkt bereits von einer Traurigkeit über darauf folgende Ereignisse abgelöst. Die Entlassungswellen, die
Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, tausende Arbeitslose, Demütigungen und Denunziation.....das war es nicht, was sie erwartet hatte. Immer gesellschaftlich aktiv (Gewerkschaft, Partei, Elternbeirat), engagierte sich Rosemarie nach dem Ausscheiden aus dem beruflichen Alltag im Ausschuss Bildung, Kultur, Jugend und Freizeit der Stadt Wolfen und in der AWO, wo sie heute noch als Kassiererin bei der Wandergruppe fungiert. Viele Länder hat sie schon bereist, denn sie liebt es, Neues zu entdecken und zu erfahren. Begleitung bei so mancher Fahrt waren Freundinnen, mit denen sie ihre Erlebnisse teilte.
Vater Josef hat immer zum Ausdruck gebracht, dass das Leben vorgezeichnet ist, es kommt, wie es kommen soll. Das hat Rosemarie gelassen gemacht und die Augen dafür geöffnet, dass Glück ist, wenn man gesund bleibt, es der Familie gut geht und man mit Stolz auf die Kinder schauen kann. Sie selbst kann das indessen sogar auf zwei Enkel und zwei Urenkel.