MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Wolfgang und Christine Enoch
Vom Leben nichts geschenkt bekommen
Elektroingenieur
04552 Borna
Wolfgang Enoch ist froh darüber, dass er sein nicht einfaches Leben meisterte. Dabei musste er schon in jungen Jahren Schreckliches erleben und miterleben. Er wurde am 12.11.1935 in Schluckenau / Böhmen geboren. Die Kindheit war zunächst unbeschwert, der Krieg weit weg, obgleich der Vater und später auch der acht Jahre ältere Bruder eingezogen wurden. Der eigentliche Terror begann nach Kriegsende: Deutsche wurden von Tschechen teilweise willkürlich erschossen, die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit verboten, sie mussten sich durch eine weiße Oberambinde kenntlich machen und viele, viele Schikanen mehr. Einige wählten den Freitod. Wie ein Nazi-Funktionär, der seine Frau, die Schwiegermutter, die drei Enkelkinder und dann sich selbst erschoss. Wolfgang sah die Leichen mit eigenen Augen. Der Großteil der deutschen Bevölkerung wurde bereits Ende Juni 1945 vertrieben. Die Mutter wollte bleiben, um die Rückkehr ihres Mannes und älteren Sohnes aus der Gefangenschaft abzuwarten. Sie sprach sehr gut tschechisch, was im Alltag von großem Wert für die Familie war. Doch die Lage spitzte sich zu. Eines Tages wurden Wolfgang und die Nachbarstochter von tschechischen Beamten bedroht. Mit der Waffe am Kopf wurden die beiden Neunjährigen aufgefordert, ein Versteck deutscher Soldaten preiszugeben, sonst werden sie erschossen. Sie hatten fürchterliche Angst – und großes Glück, dass Wolfgangs Mutter die Situation rechtzeitig aufklären konnte. 1946 kam sein Bruder frei und die Enochs verließen ihre Heimat. Während der Vertreibung herrschten schlimme Zustände. Schließlich konnten sie den Vater in Borna ausfindig machen. Gemeinsam mit einer alten Frau, derer sich die Mutter angenommen hatte, wohnten sie fünf Jahre in einem Zimmer in Borna zur Untermiete. Wolfgang beendete die Schule 1950, begann danach eine Lehre zum Betriebselektriker in Espenhain und arbeitete danach dort im Tagebau. 1955 nahm er gerade an einem Justiz-Lehrgang teil, als die angespannte politische Lage dazu führte, dass er von der KVP in Erfurt rekrutiert wurde. Schon nach einem Jahr war er Feldwebel, wurde als Nachrichtenmann an einer Offiziersschule eingesetzt. Länger verpflichten wollte er sich nicht. Stattdessen studierte er von 1957–1960 Elektrotechnik an der Ingenieurschule Zittau. Danach arbeitete er im Kraftwerk Großzössen und anderen Betriebsteilen, hat dort beinahe alle Abteilungen kennengelernt. Nach der Wende wurde ein ehemaliger Kollege von ihm in Borna Bürgermeister. Er holte Wolfgang als „Referent für Öffentlichkeitsarbeit“ ins Rathaus. In dieser Funktion war er der Initiator zur Herstellung des Bildbandes „Borna – Porträt einer Stadt“, in Wort und Bild in dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs (1992), der die Vergangenheit und die unmittelbare Gegenwart der Stadt dokumentiert. Jetzt, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, hat Wolfgang Enoch dem Bornaer Geschichtsverein etwa 800 Dia-Positive übergeben, die den Zeitraum von Ende 1967 bis zum Jahr 2000 umfasst. Die archivierten Dias dokumentieren den ruinösen Verfall des Stadtzentrums bis zur Wende und danach den Prozess der Erneuerung durch Neubau, Sanierung, Rekonstruktion usw. ganzer Straßenzüge. Schließlich ging Wolfgang mit 60 Jahren in Rente. Privat hatte er 1984 einen schweren Verlust hinnehmen müssen, als seine Frau Ingeburg plötzlich verstarb. Die beiden waren seit 1960 verheiratet und Eltern der 1962 geborenen Uta. Uta ist heute Lehrerin und hat einen Sohn. Durch glückliche Zufälle lernte Wolfgang in der Gewerkschaft Christine kennen, die ihn in der größten Not hilfreich unterstützte. Sie wurden ein Paar und heirateten 1986.