MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Renate und Werner Dittmann
Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst!
Dohlenweg 13
06849 Dessau-Roßlau
Fon: 0340 / 8500467
Das Mädchen Renate, 1937 in Chemnitz geboren, kam mit den Eltern nach Dessau, weil der Vater hier Arbeit fand. Sie besuchte die Schule, beendete sie mit der 8. Klasse. Die DDR war noch jung, die Möglichkeiten der Berufswahl begrenzt. Kindergärtnerin zu werden, davon riet man ihr ab, Apothekerin zu werden setzte das Abitur voraus (eine wirtschaftliche Unmöglichkeit für eine Familie mit drei Kindern) und Uhrmacher wurden zu der Zeit gerade nicht ausgebildet. Man warb damals an den Schulen für benötigten Berufsnachwuchs und Renate ließ sich überzeugen eine Lehre zur Chemiefacharbeiterin aufzunehmen. Geplant war ein anschließendes Studium, dem der Vater widersprach, und so war es ein Glück, dass jemand ihre natürliche Begabung für den Lehrerberuf erkannte, sie überzeugte sich in dieser Richtung neu zu orientieren. Ihr Schicksal selbst in die Hände nehmend, bei der Bewerbung überzeugend, konnte sie 19-jährig eine Aufnahmeprüfung absolvieren, erhielt die Zulassung zum Studium. Zwei Jahren Ausbildung, folgte die Arbeit als Unterstufenlehrerin, die sie vorerst an eine Heimatschule in den Kreis Roßlau führte, wo sie Klasse 1–4 unterrichtete. Durch Heirat ihres ersten Mannes und seinen Fliegerberuf bedingt, kehrte sie nach Dessau zurück, wurde Lehrerin an der Schule, an der sie selbst einst Schülerin war. Das private Glück währte leider nicht lange. Ihr Mann verunglückte nach nur 8-wöchiger Ehe tödlich und ließ sie, mit dem erst drei Tage alten Sohn Jens-Uwe (geb. 1960, Maschinen- und Anlagenmonteur) zurück.
Unterricht in sieben Klassen und 13 Fächern forderten neben der psychischen Belastung durch den erlittenen Verlust Tribut, die Gesundheit zwang zur Pause. Ein Jahr später übernahm konnte sie eine 1. Klasse übernehmen, war ehrenamtlich sehr gefordert. „Wenn alle nein sagen, musste ja einer ja sagen“, begründet sie ihre Bereitschaft alle Aufgaben zu übernehmen und letztendlich ganz in die gesellschaftliche Tätigkeit delegiert worden zu sein (FDJ-Kreisleitung). Eine für sie nicht befriedigende Arbeit, der Widerspruch der Arbeitszeit zur Aufgabe als alleinerziehende Mutter und mangelnde gesellschaftliche Rücksichtnahme und Unterstützung dabei führten zur akuten Überforderung und langen Krankheit. Wandel vollzog sich im beruflichen Leben, als dieser auch im privaten Leben Einzug hielt. Sie lernte Ehemann Werner (geb. 1939 in Breslau) kennen, heiratete 1966. Tochter Silke (geb. 1966, Lehrerin) und Sohn Falk (geb. 1971, selbstständig) vervollständigten das neuen Glück. Mittels Schwangerschaftsvertretung konnte sie in den Lehrerberuf zurückkehren und bis zur Wende verbleiben. „Mutti, du hast genug gearbeitet“, überredeten ihre Kinder sie dann zum Weg in Altersübergang, Vorruhestand und Rente.
Werner Dittmann erinnert sich sehr bewegt an seine Kindheit. Er erzählt vom Flüchtlingstreck, mit dem 1945 die Heimat verlassen werden musste. Auch davon, unterwegs erkrankt in einem Krankenhaus zurückgeblieben zu sein, während der Treck weiterzog. Später, alleine auf dem Dresdner Bahnhof angekommen, nahm ihn eine Frau mit Tochter auf, bis eine Suchmeldung seiner Mutter über das DRK eine Zusammenführung ermöglichte. Acht Jahre besuchte er die Schule, lernte den Schlosserberuf. Durch seine Frau nach Dessau gezogen, arbeitete er kurz im RAW, dann im LMB (Leichtmetallbau) bis 1999, absolvierte ein Meisterstudium, war von 1971–1990 als Brigadier eingesetzt. Gesellschaftlich engagierte er sich immer, leistete ehrenamtliche Arbeit im Wohnbezirksausschuss.
„Man hat uns nicht umsonst rote Socken genannt“, bringt Renate Dittmann auf den Punkt, was die Zeit nach der Wende prägte: Hilfs- und Einsatzbereitschaft wurde generell als politisch fehlerhaft diskriminiert. Inaktivität als dem Staat widersprechend gutgeschrieben. Wen interessierten Lebensverläufe, Beweggründe, Überzeugungen im Land der hervorgehobenen Demokratie? Renate Dittmann jedenfalls übernimmt auch heute noch – mit fast 80 Jahren – ehrenamtliche Aufgaben, ist für das Wohl anderer Menschen da!