MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Hannelore Dietrich
"Helfen ist mir ein Bedürfnis"
Damenmaßschneiderin i. R.
Schmiedegasse 4 04838 Jesewitz / OT Weltewitz Fon: 034241 / 50 558
Den 26. August 1939 wird die Tochter des Lehrers Dietrich aus Pehritzsch nicht vergessen. Es ist der Tag, an dem ihr Vater eingezogen wird. Die achtjährige Hannelore kann die Tragweite des Geschehens noch nicht erfassen, doch sie spürt die Angst der Mutter vor dem Krieg, ihre Sorge um die Zukunft.
Sorge, die auch nach Kriegsende nicht verschwindet. Aus der Not heraus habe sie sich deshalb 1947 für ein Handwerk, für die Schneiderlehre entschieden. Denn der arbeitslose Vater habe das Geld für die Familie nicht verdienen können, erzählt Hannelore Dietrich.
1952 macht sich die junge Schneiderin selbstständig. Nebenbei besucht sie einen Kurs in Buchführung.
Nach sechs Jahren wird ihr die Gewerbeerlaubnis entzogen. „Weil das selbstständige Handwerk zu jener Zeit gedrückt wurde“, erklärt Hannelore Dietrich.
Sie bleibt zu Hause, näht, kümmert sich um den Haushalt und pflegt, wie schon einmal 1949, die Eltern. In ihnen habe sie immer ein Vorbild gesehen, betont Hannelore Dietrich. Besonders in der Mutter. Bewundert habe sie auch die Kriegswitwen, die ihre Familien allein durchbrachten.
1980 wird Hannelore Dietrichs Ehe geschieden. Sie beantragt erneut eine Gewerbeerlaubnis und bekommt sie. Und die Fahrerlaubnis, die sie mit 55 Jahren macht.
15 Jahre ist sie eine selbstständige Damenmaßschneiderin. „Ich hatte in der DDR viel zu tun, da es wenig zu kaufen gab“, erzählt sie. „Manches mal war es kaum zu schaffen.“
Trotzdem gibt sie noch Nähkurse, die der DFD, der Demokratische Frauenbund, organisiert.
Mitte der 90er Jahre geht sie in Rente, obwohl sie gern noch weiter gearbeitet hätte. Doch die hohe Steuer- und Abgabenlast zwingen sie dazu.
Wenn sie jetzt näht, dann sind es Freundschaftsdienste.
Hannelore Dietrich ist eine gläubige Christin, die sich in ihrer Kirche auf vielfältige Weise engagiert.
Freude am Autofahren hat die 79jährige noch immer. Sie setzt sich auch oft hinter das Steuer, um Nachbarn, die kein Auto besitzen, zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Bank zu fahren.
Helfen sei ihr ein Bedürfnis, betont Hannelore Dietrich.
Sie liebt Kreuzworträtsel, mag interessante Geschichten in Büchern, die nicht so dick sein sollten. Sie geht ins Theater oder in die Operette und bedauert, dass sie nicht Klavier spielen kann.
Vieles, was sie beschäftigt, vertraut sie ihrem Tagebuch an, das sie seit 12 Jahren führt.
In ihren abendlichen Gebeten, in der Zwiesprache mit Gott, bittet sie um Gesundheit und spricht von der Hoffnung, nicht in ein Pflegheim zu müssen.