MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN

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Inge Dargatz

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“

Inge Dargatz

Industriekaufmann mit Spezialisierung Staatshaushalt
09328 Lunzenau

Die pommersche Heimat, die sie im Alter von zehneinhalb Jahren verlassen sollte, ist ihr immer noch im Gedächtnis. Im Ortsteil Krähenkrug des Ortes Barzlin (Kreis Köslin), wo ihre Eltern nahe des Flüsschens Radüe achtzehn Hektar Land beackerten, war sie als Inge Maletzke 1942 zur Welt gekommen. Mitten im Krieg wurden die Anfangsjahre zur schweren Zeit für sie, für die ältere Schwester und für den Bruder, der 1945 geboren, den Mangel nicht überlebte. Als der Krieg zu Ende war, fehlte der Vater, der, 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, westlich der Oder gelandet war, während die Familie weiter im nun polnisch gewordenen Pommern versuchte, das Leben zu meistern, bis 1953 die Familienzusammenführung genehmigt wurde. Aus dieser Zeit ist ihr noch vieles in Erinnerung. Der Vater kam 1945 in russische Kriegsgefangenschaft und musste drei Jahre bei Baku schwere Arbeiten verrichten. Dem Tode nahe, überlebte er diese Jahre. Die Mutter wusste lange Zeit nichts von ihm. Sie hat zusammen mit der Schwester des Vaters die beiden Kinder ernährt. Das elterliche Grundstück im Krähenkrug mussten sie verlassen, da kein männlicher Schutz da war und die Truppen oft plünderten. Sie kamen bei Bekannten in Barzlin unter. 1946 ging ein Transport aus dem Nachbardorf Gülz „über die Oder“. Die Familie wollte mit diesem Transport mit. Da sie keinen Kontakt zu Verwandten in der DDR hatten, mussten sie den Transport verlassen und blieben in einer verlassenen Wohnung in Gülz. Dort arbeiteten Mutter und Tante abwechselnd zuerst unter russischer Verwaltung, dann ab 1950 unter polnischer Verwaltung. Für die Kinder gab es keine Schule. Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung bewirkte, dass im Frühjahr 1951 die Schule begann. Da noch kein Klassenzimmer zur Verfügung stand, wurde der Unterricht anfangs im Freien abgehalten. Die Lehrbücher kamen aus der DDR. In diesen anderthalb Jahren Schule konnte der Stoff soweit vermittelt werden, dass der Anschluss in der DDR gegeben war und Inge altersgerecht die 4.Klasse besuchen konnte. Nachdem der Vater aus der Kriegsgefangenschaft gekommen war, unterstützte er die Familie in Polen. Inge bekam ihre erste Puppe. Bei der Ausreise überließ sie diese Puppe ihrer Freundin Lilli, die erst 1958 nach Westdeutschland kam. Als sie sich 1990 wiedersahen, war das erste, was ihr Lilli erzählte, dass sie die Puppe noch immer hat. Als sie zum Vater nach Seeligstadt bei Meißen kamen, konnte die junge Inge die Schule in Taubenheim besuchen, an der sie mit der mittleren Reife abschloss. Daran schloss sich eine dreijährige Lehre zum Industriekaufmann im Plattenwerk Meißen an. Mit abgeschlossener Berufsausbildung begann sie ihre Tätigkeit beim VEB Bau Meißen. Doch ihr Mann Manfred (Heirat 1964) war studierter Landmaschineningenieur und bekam seine erste Stelle in Lunzenau, Mittelsachsen. In Elsdorf (seit 1994 Ortsteil von Lunzenau) fand sich eine Wohnung, so dass 1965 die Familie hier vereint war. 1970 zog die Familie in eine Neubauwohnung nach Lunzenau. Nach der Geburt der ersten beiden Kinder Heiko 1964 und Antje 1966 (1977 sollte noch Sohn Fred-Hagen folgen) arbeitete Inge Dargatz ab 1969 fünfzehn Jahre in der Gemeindeverwaltung. Dazu erwarb sie noch den Facharbeiterabschluss Finanzbearbeiter Staatshaushalt. Der war von Vorteil, als sie 1984 als Leiterin der Zentralen Haushaltsstelle in die Stadtverwaltung Lunzenau wechselte. Als sich 1990 die Verwaltungsstrukturen änderten, blieb sie im Lunzenauer Rathaus, übernahm die Leitung der Stadtkasse, konnte hier bis zum Ruhestand im Jahr 2003 erfüllte Berufsjahre erleben. Der Nächste, den sie nach ihrem christlichen Verständnis zu lieben hatte, hatte und hat viele Gesichter, wichtig war ihr auf jeden Fall die große Familie, zu der auch die neun Enkel und das erste Urenkelkind zählen. Sie engagiert sich für die Menschen von Lunzenau, wo sie von 1978 bis 1980 ihr eigenes Heim mit viel Hilfe aus Familie und Nachbarschaft errichten durften. Im Heimat- und Kulturverein Lunzenau und Umgebung e. V. führte sie über mehrere Jahre die Kasse. In der Frauensportgruppe ist sie aktiv und das Stricken macht ihr nach wie vor Freude. Die alte Heimat und die Erlebnisse der Kindheit bleiben in ihrem Herzen. Die Ereignisse der heutigen Zeit machen ihr Angst, dass die Menschen vergessen könnten, was Hass, Hetze und Krieg bewirken können.
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