MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Sieglinde und Günther Czarnywojtek
„Der Krieg prägt ganz gewiss.“ (Helmut Schmidt)
Drogist, Bankkaufmann
Technischer Zeichner, Dipl.-Ing. Wärme- und Kältetechnik
Mittweidaer Str. 47
09249 Taura
„Meine Mutter hat die Familie gemanagt“ sagt die 1942 geborene Sieglinde Czarnywojtek (geb. Dietrich) und berichtet von drei Geschwistern, dem durch Krieg und Arbeit in der Wismut fast nie anwesenden Vater und der Nachkriegszeit mit Hunger und Not. „Wir haben noch Scharfgarbe gesammelt und Brennnesselsuppe gegessen. Bei einer Feier gab es „Schlagsahne“ aus rohen Kartoffeln und Eiweiß gemacht...“ erzählt sie von schweren Jahren. Als ältestes Kind erhielt sie zeitig Aufgaben innerhalb der Familie und mit ihrer Arbeit als Kindermädchen bei einer Bäcker-Familie „verdiente“ sie zudem Kuchenränder. Gespielt wurde mit Steckklammern aus Holz und der Knopfschachtel der Oma. „Wir hatten nicht viel. Garderobe erhielt ich gebraucht, abgelegt von Verwandten. In meiner Zuckertüte war unten Holzwolle, darüber ein paar Brikett und darauf Obst und etwas Fondant. Doch ich war glücklich, denn nicht jeder hatte eine Zuckertüte! Und wir waren aber dadurch auch kreativer, erfinderischer. Diese Zeit hat mich für das ganze Leben geprägt“ sagt sie rückblickend. 1949–1959 besuchte sie die Schule, lernte danach den Drogist-Beruf. Nach drei Jahren als Facharbeiterin tätig, wurde sie bald stellvertretende Verkaufsstellenleiterin und übernahm danach eine eigene Verkaufsstelle. Bei einem Brigadevergnügen lernte sie ihren Mann Günther kennen. Das Paar heiratetet 1965 und konnte sich im gleichen Jahr über die Geburt von Sohn Heiko (Eisenbahner, zwei Kinder) freuen. Wegen der neuen familiären Konstellation unterbrach Sieglinde Czarnywojtek ihre Berufstätigkeit, wurde dann in einer Lebensmittelverkaufsstelle in Teilzeit tätig. Nach Erhalt eines Kindergartenplatzes kehrte sie in die Vollbeschäftigung und eine Drogerie zurück. Die hohe Verantwortung, der große Arbeitsaufwand und kollegiale Unstimmigkeiten führten 1974 zum Wechsel in die Verwaltung der Sparkasse Chemnitz – eine vielseitige aber auch herausfordernde Aufgabe die sie bis zum Dezember 1981 ausübte und der sie durch die Qualifikation zum Bankkaufmann gut gewachsen war. Ab 1982 arbeitete sie in der Gemeindeverwaltung Taura, wurde stellvertretende Bürgermeisterin und war fünf Jahre so tätig. „Da habe ich mich sozusagen vom Pferd auf den Esel gesetzt...“ schmunzelt sie. Die Arbeitszeit war nahezu unbegrenzt und der Einsatz überregional. Die Rückkehr in die Sparkasse ermöglichte weitere Arbeit bis zur Wende. Die Hoffnungen, welche die Eheleute an dieses Ereignis knüpften, wurden nicht erfüllt. Die Freude über die Wiedervereinigung bekam Risse durch die Art der Umsetzung. Sieglinde Czarnywojtek erzählt: „Wir mussten alles neu lernen, wurden reingeschmissen und mussten uns selbst kümmern. Ich fand mich in der Immobilienabteilung wieder, war plötzlich für Hausverwaltung zuständig....“. 1999 ging sie über die Altersteilzeit in den Ruhestand. Ehemann Günther war zu dem Zeitpunkt schon Rentner. Er, 1937 in Dessau geboren, wuchs auch nahezu Vaterlos auf. Der hatte viele schwere Kriegsverletzungen überlebt, starb dann aber tragisch bei einem Arbeitsunfall als Günther 10 Jahr alt war. Durch die Junkers- Flugzeugwerke war Dessau 1940–1945 zwanzig Luftangriffen ausgesetzt die zu erheblichen Zerstörungen der Stadt führten. Günther Czarnywojtek erinnert sich an die Bombennächte, an den Aufenthalt in Luftschutzkellern, „Jungen-Abenteuer“ wie Granatsplittersammeln, leichtsinniges Spielen auf einer nicht detonierten Luftrakete, Auffinden eines toten Soldaten, Eintreffen der Amerikaner und der Russen. Das Siedlungshaus der Familie, die Besuchen bei der Verwandtschaft in der Börde und die Freundschaft zu einem Bäckerjungen lassen ihn trotzdem gerne an seine Kindheit zurückdenken. Seinen acht Jahren Schulbildung folgte die Lehre zum technischen Zeichner und das parallele Lernen zu projektieren. Eine Aufnahmeprüfung zum Studium meisterte er mit Bravour. Er studierte in Chemnitz und schloss als Ingenieur ab (nach der Wende nachdiplomiert). Bei der TEPRO Chemnitz verbrachte er sein gesamtes Arbeitsleben im Entwurfs- bzw. Architekturbüro. 1997 kurz arbeitslos, wurde er 1998 berentet.