MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Bärbel Böhme
„Ich habe mein Leben gelebt...“ (Bärbel Böhme, Tick Tack Oma)
Chemiefacharbeiter
Meister für Braunkohleveredlung
04552 Borna
Als Bärbel Engelke 1952 in Leipzig geboren, wuchs das Mädchen in der Großstadt auf. 1962 verließ der Vater die Mutter und die gemeinsamen vier Kinder. „Ich war erst zehn Jahre alt, meine jüngste Schwester erst drei Jahre. Meine Kindheit wurde sehr von diesem Geschehen geprägt. Bis zum 6. Lebensjahr war ich zuvor bei meiner Oma aufgewachsen die damit meine Eltern unterstützen hat. Sie hat bei meiner Erziehung sehr auf Benehmen, Sitte und Anstand geachtet, war streng aber gerecht. Von Beginn an war aber klar, dass ich mit Eintritt in die Schule wieder in das Elternhaus zurückkehre. 1958 wurde ich eingeschult, 1962 ging mein Vater eigene Wege, 1968 beendete ich die Schule mit der 10. Klasse,“ erzählt sie aus ihren Kinderjahren und es wird schnell verständlich, dass die alleinerziehende Mutter es mit Kindern nicht leicht hatte. Den Umständen geschuldet, waren so auch nicht alle schulischen Noten von Bärbel gut. Zusätzlich wurden bei der beruflichen Gesundheitsprüfung Einschränkungen festgestellt, was den Berufswünschen Friseur und Gärtner entgegenstand. Letztendlich lernte sie den Beruf Chemiefacharbeiter im VEB Braunkohleveredlung Espenhain. Erst in der Erdöl- und später Teer-Verarbeitung blieb die junge Facharbeiterin im Anschluss an die Lehrzeit in Schichten und an verschiedenen Anlagen tätig. „Ich habe meinen Beruf sehr gerne ausgeübt, hatte auch immer das Glück in guten Kollektiven tätig zu sein,“ berichtet sie von ihrem Arbeitsleben. Gearbeitet hat sie in dem Betrieb bis zu seiner Schließung 1994. Zuletzt jedoch schon innerhalb einer ABM mit Arbeit in der Mischbrennstoffanlage, in der Rückstände aus den verschiedenen Betriebsanlagen verarbeitet wurden. Zur politischen Wende in dieser Zeit sagt sie: „Die Teilung Deutschlands hat mich nie glücklich gemacht. In der Familie haben wir uns erst sehr über den Vollzug der Einheit gefreut. Als mein Mann und ich aber 1995 arbeits- und chancenlos wurden, wurde ich ein wenig böse auf die Entwicklung. Es bewahrheitete sich nun die Lehre aus dem Geschichts- und Staatsbürgerunterricht: Der Kapitalist hat noch nie viel Gutes für den kleinen Mann gebracht.“ Bärbel Böhme und Ehemann Günter (Maler, Hochzeit 1985, verstorben 2012) erhielten kein neue Arbeitsstelle mehr. Weiterbildungen, 1 €-Jobs, Praktikumstellen, eigene Krankheit und Harz IV bestimmten nun ihr weiteres Leben. Die Hoffnung gaben beide nie auf, hangelten sich von einer vermeintlichen Chance zur nächsten. „Immer wieder konnte ich sehen, wie dringend solche Aushilfskräfte wie ich in den Einrichtungen (z. B. in der Pflege) benötigt wurden. Und doch hat uns keiner Vollzeit beschäftigt. Es fehlte auch ihnen einfach das Geld dafür,“ zieht sie traurige Bilanz. Seit 2012 ist sie Rentnerin. Ihr Mann half ihr früher oft über so manches Tief hinweg, wie nach seinem Tod auch ihre Tochter Kathrin (geb. 1970, Kraftwerkerin und Altenpflegerin), die selbst ein schweres Päckchen zu tragen hat, es tat. „Und wenn mein Schwiegersohn Norman nicht wäre, weiß ich nicht, wie es manchmal für meine Tochter oder auch für mich geendet hätte. Er stand und steht uns selbstlos, liebevoll und zuverlässig zur Seite und leistet sehr viel für uns,“ berichtet sie dankbar und stolz auf diesen Zusammenhalt in der Familie, zu der auch indessen eine Enkelin und eine Urenkelin gehören. Feiertage und runde Geburtstage werden, wenn es geht, gemeinsam begangen. Und doch: Könnte sie sich etwas wünschen, würde sie gerne ihren Mann wieder bei sich haben.