MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Renate Böhme
Für andere da sein, so lange es geht
Nordstr. 13 a
06886 Lutherstadt Wittenberg
1940 geboren, hat Renate Böhme (geb. Fuß) wenige Erinnerungen an den Krieg. Sie weiß noch, dass da die Angst vor Bombardierung und den Russen war. Dass Mutter Ruth mit den vier Kindern und einer Tante deshalb zu Fuß nach Leipzig fliehen wollte. Die kleinen Beine des Mädchens Renate konnten den langen Weg kaum schaffen und die „Ungerechtigkeit“, dass der Bruder im Kinderwagen geschoben wurde statt auch laufen zu müssen, schmerzte zudem. In Gefahrenmomenten auf einem Heuboden versteckt zu werden, war Abenteuer, der Ernst der Lage nicht erfassbar für so ein kleines Mädchen. Als es hieß der Krieg sei vorbei und die Familie nach Wittenberg zurückkehrte, befand das Mädchen Renate die Welt eigentlich wieder völlig in Ordnung, denn obwohl es kaum etwas gab, hatte die Oma einen Kuchen gebacken. Doch die scheinbare Idylle war ein Trugschluss. 1953 wurde der Vater wegen Spionage verurteilt, die Mutter ließ sich scheiden. Bis dahin Hausfrau, nahm sie eine körperlich schwere Arbeit im Schichtsystem auf, um die Familie zu ernähren. Das verdiente Geld reichte nicht vorne und hinten und trotzdem ermöglichte sie es der Tochter Renate die Schule so lange zu besuchen, bis sie 1959 das Abitur abgelegt hatte. An der Medizinischen Fachschule Dessau absolvierte sie danach zwei Jahre lang eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Die Konfrontation mit Krankheit, Leid und häufig dem Tod der Säuglinge im Krankenhaus ging zu Lasten eigener Gesundheit. Schlaflose Nächte durch unverarbeitete Erlebnisse und ein rebellierender Magen waren Alltag. Dem Rat ihres Stationsarztes folgend, wechselte sie in die Kinderkrippe des Stickstoffwerkes, arbeitete als Säuglingsschwester und später in einer anderen Einrichtung als Krippenleiterin. Indessen hatte Renate Fuß ihren Mann Heinz Böhme (verstorben 2003) geheiratet, die Kinder Antje (geb. 1964, Physiotherapeutin), Jan (geb. 1968, Binnenschiffer) und Anke (geb. 1968, Schneiderin) waren geboren. Im Zuge der familiären Entwicklungen war Renate Böhme eine Zeit Hausfrau, nahm dann eine Arbeit in der Verwaltung des Stickstoffwerkes auf. Zusätzliche Qualifizierung befähigten sie in der Lohnbuchhaltung und der Revisionskommission zu arbeiten. Heute ist das Gebäude, in dem sie einst tätig war, abgerissen. Sie selbst war nach der Wende lange krank und wurde schließlich gekündigt. Über den Vorruhestand ging sie in die Rente. Was einst ihren Beruf ausmachte – für andere da zu sein, zu helfen – ist heute noch ein Lebensinhalt, soweit es die eigenen Kräfte zulassen. Die Kinder aus dem Haus besuchen sie gerne, wenn den eigenen Muttis einmal die Zeit für sie fehlt. Renate Böhme ist stolz auf ihre drei eigenen Kinder und ihre fünf Enkel und freut sich, dass alle sich so sehr um sie kümmern, sie in ihr Leben einbeziehen.