MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN

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Wolfgang Brockel

Als Großvater noch einmal Kind sein dürfen

Wolfgang Brockel

Dichter
Offizier
Schichtleiter in der Chemieindustrie
06766 Wolfen

„Großvater erzählt Geschichten“ gehört wie der autobiographische Band „Lebenslinien“ zu den wichtigen Publikationen seiner späten Jahre. Geprägt durch „Großmutter“ Anna, den aus ihr sprudelnden Geschichten, Gedichten und Liedern begann Wolfgang Brockel schon in jungen Jahren seine literarischen Versuche. Doch dem 1936 im schlesischen Ohlau geborenen Jungen blieb das Schicksal seiner Generation nicht erspart. Der Vater blieb im Krieg vermisst (erst vor wenigen Jahren erhielten die Nachfahren verlässliche Nachricht von seinem Tod in Russland), im kalten Januar des Jahres 1945 ging es auf der Flucht vor der nahenden Front gen Böhmen. 1947 wurden sie auch aus dem dortigen Michelsberg vertrieben. Nach einer Zwischenstation im Harz landete die Familie, zu der auch eine Schwester gehörte, in Greppin, also im Chemiegebiet um Bitterfeld. Wolfgang Brockel erlernte den Beruf des Bau- und Möbeltischlers. Von der Bau-Union wurde er beim Aufbau von Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) eingesetzt, als seine Minderjährigkeit offenkundig wurde, aber zurückgeschickt. Bald ließ er sich zur Kasernierten Volkspolizei (einer Vorstufe der Nationalen Volksarmee der DDR – NVA –) werben, kehrte als Unterleutnant ins Zivilleben zurück. Er arbeitete in der Farbenfabrik Wolfen, fand Zugang zum „Zirkel schreibender Arbeiter“ und wurde zum Studium ans Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ nach Leipzig delegiert. Als Kommilitone später bekannter Lyriker wie Sarah und Rainer Kirsch schloss er mit dem Diplom die Hochschulausbildung ab und wurde Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, veröffentlichte jedoch nur sporadisch in Publikationen wie „Für Dich“ oder „NDL – Neue deutsche Literatur“, erhielt aber für einen Sonett-Zyklus den Kunstpreis der Gewerkschaften. Als Kulturfunktionär arbeitete er nach dem Studium kurz für den damaligen Rat des Bezirkes Suhl, litt aber unter der Trennung von der inzwischen in Wolfen beheimateten Familie (1957 hatte er Frau Ingeborg geheiratet, 1958 kam Sohn Peter hinzu, 1960 folgten die Zwillingstöchter Petra und Karina). Doch fand sich bald eine Stelle als Abteilungsleiter Volksbildung und Kultur beim Rat der Stadt Wolfen. Später organisierte er als Stadtrat für Kultur und Naherholung das Erholungsgebiet Fuhneaue mit. Als Reservist beanspruchte ihn des Öfteren wieder die NVA (auch in der Krise 1968, als die Sowjetarmee in der CSSR einmarschierte), ließ ihn zum Leutnant der Reserve aufsteigen. Dann setzte ihn die NVA als Kulturoffizier (Dienstrang Oberleutnant) hauptamtlich in ihrem Wolfener Artillerieregiment ein. Doch als die Armee die Scheidung nahelegte (während er dienstlich gebunden war, gab es Kontakte anderer Familienmitglieder zur Verwandtschaft in der Bundesrepublik) entschied sich der grundgütige Familienvater für Frau und Kinder, bat um Entlassung und wurde aus der Staatspartei SED ausgeschlossen. Nun hatte er Schwierigkeiten eine neue Stelle zu finden, arbeitete als Kellner und ging zurück zur Farbenfabrik (nun Chemiekombinat Bitterfeld), qualifizierte sich zum Chemiefacharbeiter und wurde bis 1990 als Schichtleiter in der Produktion eingesetzt. Dann kam mit dem Aus für den Großteil der chemischen Industrie am Standort nach dem Ende der DDR für ihn nach Überbrückungsmaßnahmen der vorzeitige Ruhestand. In der Natur der Dübener Heide und des Flämings fand er für sich und seine Frau glückliche Zeiten. Nach Frau Ingeborgs Tod im Jahr 2014 (im selben Jahr starb auch Sohn Peter) füllte die literarische Produktion seine letzten Lebensjahre bis zum Tod im März 2019 voll aus. Lyrik und Prosa erschienen unter Titeln wie „Im Zeitraffer“, „Unter der Farbe des Regenbogens“ oder „Am Stundenglas der Zeit“ ebenso so wie der Erinnerungsband in einem Frankfurter Verlag. Den Familienmenschen Wolfgang Brockel freuten drei Enkel und ein Urenkelkind.
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