MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Ursula Scharf
„Obwohl er ein Bayer war …
Bildungsstättenleiterin i. R.
06242 Braunsbedra
… habe ich mit ihm zwölf Jahre sehr, sehr glücklich gelebt“, gesteht lächelnd Ursula Scharf, die nach der Wende eine Schleckerfiliale in Bayern geleitet hatte. „Und von dort habe ich mir einen netten Mann mitgebracht, mit dem auch meine Kinder sehr gut auskamen“, erzählt sie.
Mit diesem Mann an der Seite kann Ursula Scharf auch mit den Enttäuschungen umgehen, die sie bei der Abwicklung ihres Arbeitsplatzes durch den DGB erfahren hatte. „Wichtige Zeitdokumente wurden entsorgt. Wir konnten nichts dagegen tun. Es schmerzt noch immer, wenn ich darüber rede“, sagt die ehemalige Bildungsstättenleiterin beim FDGB-Kreisvorstand Merseburg. Ihr Parteibuch habe sie hingeworfen, und auch aus der Gewerkschaft sei sie ausgetreten.
Nach einem Direktstudium an der Gewerkschaftsschule wird die engagierte Gewerkschafterin zur Bildungsstättenleiterin berufen. Vor ihr steht die anspruchsvolle Aufgabe, die Weiterbildung von haupt- und ehrenamtlichen Gewerkschaftern zu organisieren. Ursula Scharf erstellt Lehrpläne und verpflichtet Dozenten. Gute Arbeitsbeziehungen unterhält sie zu Universitäten und Hochschulen. Sie selbst gibt ebenfalls Seminare und Vorlesungen, auch vor akademischem Publikum. Von der Urania wird sie als Referentin angefordert.
Ursula Scharf war ordentliches Mitglied im Kreis- und Bezirksvorstand des FDGB und Delegierte des 10. Gewerkschaftskongresses.
1956 ist Ursula Scharf Vertrauensfrau im Mineralölwerk Lützkendorf. Dort hatte sie Industriekaufmann gelernt, dort war sie ihrem ersten Mann begegnet. Sie arbeitet als Rechnungsprüferin, später als Kostenrechner. Nahezu alles muss sie manuell rechnen. Die Saldiermaschine kann sie bald blind bedienen. Aufgrund ihrer Leistungen delegiert man sie zu einem Frauensonderstudium des FDGB.
Ärztin hatte Ursula Scharf werden wollen. Ihren Eltern fehlten die Mittel. Der Vater untersagte den Besuch der Oberschule aus diesen Gründen. Die 70-Jährige bedauert das heute noch. Doch ihr Sohn sei Arzt geworden, und sie sei sehr stolz auf ihn, meint Ursula Scharf. Ebenso auf die Tochter, die Krankenschwester wurde.
Die mehrfache Großmutter singt im Bergmannschor und ist Mitglied in einem Verein Vorruheständler, wo jetzt alle Rentner sind.
Jeden Abend wünscht sie ihrer Schwester per Telefon eine gute Nacht. Und jede Woche telefoniert sie mit der Tochter in Berlin und dem Sohn in der Schweiz. Sie hofft, ihre Enkel gesund aufwachsen zu sehen und vielleicht noch einmal einen netten Partner zu finden.
Auch in der Gewerkschaft ist sie wieder. Ohne Funktion. Nun sollten mal Jüngere antreten …