MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Marlies und Hans Richter
Die Erzieherin und ein Mann mit Format
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Marlies Richter, geboren 1949, hat ihren Berufswunsch realisiert. Kindergärtnerin wollte sie werden, Kindergärtnerin wurde sie. Nach Abschluss der 10. Klasse hat sie an der Pädagogischen Fachschule in Magdeburg studiert, mit dem Staatsexamen als Kindergärtnerin abgeschlossen. Ihre erste Arbeitsstelle war 1968 ein Kinderheim in Bernburg. Sie blieb hier beschäftigt, als daraus ein Vorschul-Kinderheim hervorging und erlangte 1978 mit externer Qualifizierung den Abschluss als Heimerzieher. Mit der Wende kam es nicht nur zu Umstrukturierungen im Heim, auch die bisherigen Abschlüsse wurden nicht anerkannt. In einem 100-Stunden-Lehrgang erfolgte „eine schnelle Nachbesohlung“, so dass sie nun die Berufsbezeichnung Staatlich anerkannter Erzieher tragen darf. 1993 konnten die Räumlichkeiten des Heimes nicht mehr gehalten werden, weil notwendige Sanierungen ( 2 Millionen DM) nicht finanziert werden konnten, die Stadt zudem die weitere Trägerschaft für die Einrichtung ablehnte. Wohngruppen wurden geschaffen, die Kinder fortan in Wohnungen betreut vom neu entstandenen Verein Förderkreis Kinder- und Jugendpflege Bernburg e. V., der von den ehemals Angestellten des Heims gegründet wurde. Nicht einfach, so viel Verantwortung zu übernehmen und dabei die neuen Bedingungen noch nicht richtig zu kennen. Kontakte nach Bielefeld ermöglichten Einblicke in die neuen Aufgaben. Wohngruppen konnte dort betrachtet werden, Anregungen, Eindrücke und Erfahrungen mitgenommen werden. Der Kostenpflegesatz musste erarbeitet werden, da jetzt vom Jugendamt mit Betreuungsschlüssel die Zuweisung der Kinder und Jugendlichen erfolgte und man wettbewerbsfähig sein musste. Die Inhalte der Arbeit änderten sich wenig im Vergleich zu der im Kinderheim, nur dass jetzt alles dezentralisiert und in Eigenverantwortung von statten ging. Marlies Richter arbeitete bis 2001 als Teamleiterin, danach bis 2005 als Erzieherin. Gesundheitliche Gründe zwangen zum Kürzertreten und dazu mit 60 Jahre in Rente zu gehen. Jetzt verbringt sie die Zeit mit Ehemann Hans, geboren 1943. Er hat sie in ihrer Arbeit immer unterstützt. Mal war eine Wohnung zu renovieren, mal mussten Möbel aufgebaut, mal Kinder transportiert werden. Ursprünglich hatte er in der Landwirtschaft gelernt und gearbeitet, sich später aus gesundheitlichen Gründen zum Buchhalter qualifiziert und als solcher in der LPG gearbeitet. Nachdem er der Landwirtschaft den Rücken gekehrt hatte, arbeitete er als in einer Eisengießerei als Sachbearbeiter Beschaffung und Absatz, in der Investabteilung des Kaliwerkes und als Meister in der Produktion des Zementwerkes Bernburg. Die nötigen Facharbeiter- und Meisterbriefe erwarb er in den Jahren 1972–1976. Bis zur Wende war er Schichtmeister in der Rohmahlung und danach gehörte er zu sechs ausgewählten Spezialisten, denen man eine Dispo-Pförtnerstelle anbot, was nichts anderes bedeutete, als dass diese Arbeiter jederzeit an jedem Ort Aufgaben zu übernehmen hatten, wenn Not am Mann war. Immer noch besser, als zu den ca. 2000 Betriebsangehörigen zu zählen, die entlassen wurden. 2002 ging Hans Richter in Altersteilzeit, 2005 in die Rente.
Familie Richter sieht die neue Zeit mit zwiespältigen Gefühlen. Sicher, es gibt mehr Möglichkeiten und man ist in seinen Entscheidungen freier. Aber die Menschen haben sich verändert. Sie sind nicht mehr so solidarisch, die Ellenbogen regieren. Traurig sei auch der Werteverfall. Freude haben die Richters hingegen an ihren Töchtern Anke (geboren 1970, Heimerzieherin) und Katrin (geboren 1971, Facharbeiterin Umschlag und Lagerung) und der Enkeltochter Helena.