MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Gertraude Bondera
„Glücklich, wer mit den Verhältnissen zu brechen versteht, ehe sie ihn gebrochen haben!“ (Franz Liszt)
Friseurmeisterin
99425 Weimar
1942 in Feyh (Sudetenland) geboren, musste das Mädchen Gertraude mit ihrer Mutter und den fünf Geschwistern 1944 die Heimat verlassen. Dresden auf der Flucht tangierend, konnten die Flüchtlinge hautnah das dort herrschende Grauen erleben, denn die Stadt war drei Tage zuvor bombardiert worden. In der Nähe (Freiberg) strandend wurde die Mutter mit den vielen Kindern sehr widerstrebend aufgenommen. Sofort begannen sie den Verbleib der Verwandtschaft zu recherchieren. In Weimar wurden sie fündig und erhielten zudem die Aussicht auf Arbeit und Wohnung. Nach Weimar gezogen, besuchte das Mädchen Gertraude 1949–1957 dort die Schule. Den Vater hatte es nach Bayern verschlagen. Er kehrte zu seiner Familie zurück und starb als Gertraude 12 Jahre alt war starb an den Folgen einer Kriegsverletzung. Künstlerisch und gestalterisch sehr interessiert, hegte das junge Mädchen den Wunsch einen Beruf in dieser Richtung zu erlernen. Doch die bodenständigen Eltern sahen darin wenig Perspektive und so erlernte sie schließlich den Friseur-Beruf mit dem Gedanken im Hinterkopf über diesen Weg vielleicht doch einmal z. B. Maskenbildnerin zu werden. 1960 den Facharbeiter in den Händen haltend, wurde ihr das Angebot unterbreitet Fachlehrer zu werden und an der Berufsschule zu unterrichten. Doch sie hatte indessen ihren ersten Mann kennengelernt, der diesen Weg nicht begrüßte und so entschied sie sich zu Gunsten der Familienplanung darauf zu verzichten. Als Bestlehrling in Theorie und Praxis hatte sie gute Voraussetzungen sich neu zu orientieren, wechselte nach der Facharbeiterprüfung in einen anderen Salon. Erst 18-jährig brachte sie ihren Sohn Frank (geb. 1960) zur Welt. Eine Frau mit Kind wollte der Friseurmeister nicht weiter beschäftigen und ein weiterer Salon-Wechsel wurde deshalb vollzogen. In den folgenden Jahren wurde die Kinder Olaf (1961) und Iris (1965) geboren. Bis 1988 arbeitete Gertraude Bondera in Weimarer Salons. Nachdem Tochter Iris geboren war, unterbrach sie ihre Berufstätigkeit für drei Jahre. Sie wurde Mitglied der PGH, entrichtete den Genossenschaftsanteil, und arbeitete nach der Mutter-Kind-Unterbrechung ab 1968 in einem Salon der PGH. Nach einem Jahr erhielt sie, auf Grund ihrer Leistungen, die Möglichkeit die Meisterschule zu besuchen. Mit erfolgreichem Abschluss wurde sie erst als Geschäftsführerin eine großen Ladens eingesetzt, später zur Geschäftsführerin der PGH Friseure gewählt. Eine große Herausforderung, die zeitlich zusammenfiel mit der Scheidung ihrer Ehe und damit zugleich auch nachhaltiges Engagement für die neue Aufgaben zuließ. Nachdem auch eine zweite Ehe scheiterte, ihr beruflich Zwiespältiges abverlangt wurde und ihr eine BRD-Reise zur Silberhochzeit ihrer Schwester unschön erschwert wurde, überdachte Gertraude Bondera ihre bisherige Tätigkeit neu. Sie wollte wieder Freude an der Arbeit haben, praxisnahe arbeiten und stellte sich nicht mehr zur Wahl als PGH-Geschäftsführerin. Stattdessen ging sie fortan in der Lehrlingsausbildung (Zusatzausbildung zum Lehrausbilder) auf. 1988 kehrte sie von einer BRD-Reise nicht in die DDR zurück. Nach zwei Tagen hatte sie bereits wieder Arbeit in Dachau, kurze Zeit darauf die Leitung eines Geschäftes in München. Nach einem Jahr (1990) wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit – ohne Eigenkapital und ohne Bürgen, mit einem Sonderkredit für DDR-Flüchtlinge. Bis 2002 führte sie ihr Münchener Geschäft, mit indessen fünf Angestellten. „Ich konnte was und ich hatte Glück. Ich war gut ausgebildet, habe von jeher jede Qualifikations-Möglichkeit genutzt und mir wurde in der DDR auch viel von meinem Betrieb in dieser Hinsicht ermöglicht....“ begründet Gertraude Bondera ihren Weg zum Erfolg. Nach dem Verkauf des Geschäftes trat sie „vorerst“ in den Ruhestand. Sie kehrte mit ihrem dritten Mann (Alfred) nach Weimar zurück, genoss hier mit ihm die gemeinsame Zeit bis er 2007 verstarb. Ganz ohne Arbeit ging es zuvor schon bereits nicht. Ihr fehlte die Tätigkeit. Im eigenen Haus eröffnete sie 2002 ihren „Ein-Mann-Salon“, der ihr nun über den schweren Verlust hinweghalf und den sie heute noch betreibt. „Du bist mit der Schere aus dem Mutterleib gekrochen....“ begründen Freunde scherzhaft die berufliche Leidenschaft der im Jahr 2018 bereits 76 Jahre werdenden Gertraude Bondera. Sie ist angekommen und glücklich, die agile Frau, die traditionell jährlich Weihnachten das Familienfest ausrichtet und ihre Kinder, Schwiegerkinder, sechs Enkel- und vier Urenkelkinder einlädt ihre Kochleidenschaft und Kochkünste zu erleben.