MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Gertrud Borgwardt
Die Familie bedeutet ihr alles
Großhandelskauffrau
06217 Merseburg
Gertrud Borgwardt, geborene Hintze, hat viel erlebt und den Zweiten Weltkrieg überlebt. Die am 4. Juli 1934 geborene Frau aus dem Geiseltal erblickte das Licht der Welt in Neumark. Das ist ein Ort, den es heute nicht mehr gibt. Er wurde weggebaggert. Nach der Wende wurden die Kohlengruben rekultiviert und es entstand durch Flutung zwischen Mücheln und Merseburg der Geiseltalsee - ein schönes Naherholungsgebiet, erzählt die gelernte Großhandelskauffrau. Dass sie mit ihrem jüngeren Bruder Edwin in Bernau bei Berlin aufwuchs, hat sie ihrem Vater zu verdanken. „Unser Papa hatte Sehnsucht nach seiner Heimat und wollte zurück“, sagt Gertrud Borgwardt. Als der Krieg ausbrach, war sie fünf. Sie erinnert sich an eine Siedlung, in der die Familie, nahe einer Kaserne, wohnte. Die Gegend war sehr waldreich. Der Vater verdiente das Geld bei Bergmann Borsig, einem kriegswichtigen Betrieb. „Nur 20 Minuten waren es mit dem Fahrrad bis dorthin“, weiß Gertrud noch genau. „Einmal holten wir Kinder ihn von der Arbeit ab, er war aber davon nicht begeistert, wir sollten das nie wieder tun“, erinnert sie sich. Bruder und Schwester wurden 1941 eingeschult und besuchten die Stadtschule in Bernau. Familie Hintze floh am 20. April 1945 mit der verwitweten Tante Else und deren Baby Renate sowie dem kleinen Bruder, Baby Arno, und Oma vor den Russen. In Klütz bei Boltenhagen kamen alle in einem Flüchtlingslager unter. 14 Tage waren sie zuvor mit einem Bus unterwegs. Das Ziel hieß Neumark. Bevor es über die Elbe gehen sollte, kam Gertrud Hintze ins Krankenhaus Boltenhagen wegen Diphterieverdachts. Die Elbe hatte Hochwasser, das Boot war leck, für Brot fand der Bootsmann einen Weg und die Familie kehrte heim. Das Haus der Großeltern stand nicht mehr, auch andere Gebäude waren Bomben zum Opfer gefallen. In einem großen Schachthaus mit einem Vorder-und Hintergebäude fanden Hintzes Zuflucht. Zu fünft bewohnten sie eine Stube. Der einzige Wasserhahn in einem Holzkasten auf dem viereckigen Hof zwischen Vorder- und Hinterhaus war fast immer umlagert. Am 30. Juli 1955 heiratete Gertrud ihren Horst Borgwardt, gelernter Zimmermann, der später 17 Jahre unter Tage arbeitete. Tochter Bärbel wurde am 17. März 1957 geboren. Monate davor kam 1956 die Umsiedlung. Kohle wurde gebraucht. Der Bagger stand fast vor der Tür. Das Dorf musste weg. „Wir alle mussten nach Braunsbedra oder Merseburg, wo mein Mann und ich unsere erste Wohnung hatten“, erzählt Gertrud Borgwardt. Die Familie bewirtschaftete in Merseburg-Süd einen Garten. Auch auf dem Zeltplatz am Bergwitzsee verbrachte sie Freizeit. Die Arbeit, anfangs in Bad Kösen bei einem Kinderarzt, später bei der Sparkasse und dann bei der Großhandelsgesellschaft füllte Gertrud Borgwardt aus. Sie engagierte sich ehrenamtlich als Elternvertreterin. Bis heute unterstützt sie ihre Bärbel und inzwischen beide Enkelinnen Jana und Anja. Familie bedeutet ihr alles, auch nach dem Tod ihres Mannes, der am 3. Mai 1998 starb. Die Rentnerin ist gesellig, spielt mit fünf Freundinnen gern Karten. Und sie ist bodenständig. „Solange mich meine Beine tragen, bleibe ich hier in Merseburg“, sagt sie.