MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Tanja und Detlef Boeßner
„Was uns nicht umbringt, macht uns härter“
Eisenbahnfacharbeiterin
Bäcker
06809 Roitzsch
Tanja und Detlef Boeßner wuchsen im selben Ort auf – trotzdem dauerte es eine Weile, bis sie sich fanden. Tanja wurde am 22.04.1973 in Leipzig geboren. Kurz danach zog die Familie nach Roitzsch, in den Heimatort des Vaters. Dort besuchte sie die POS. Ihr Schulabschluss fiel genau in das Jahr des Mauerfalls, eine Situation, die Tanja zunächst viel Unbehagen bereitete. Sie war sozialistisch erzogen und vermisste die Unterstützung ihrer Eltern. Erst später verstand sie, dass auch ihnen die Orientierung fehlte in dieser ungewissen Zeit. Eigentlich wollte sie in den pädagogischen Bereich, doch dieser Weg blieb ihr versperrt. Stattdessen machte sie eine Lehre als Facharbeiter im Eisenbahnbetrieb bei der Bahn. Sie hatte sich auf die technische Arbeit im Stellwerk spezialisiert und wurde in dieser Position übernommen. Als die Bahnstrecke Bitterfeld-Halle 1994 zur ICE-Strecke ausgebaut wurde, nahm sie die angebotene Abfindung an. Detlef kam am 24.08.1962 in Bitterfeld zur Welt. Auch er wuchs in Roitzsch auf, besuchte dort die POS. Er hatte immer eine gute Beziehung zu seinem Onkel Alfred, einem Bäckermeister. Durch sein Vorbild entschied er sich für die Bäckerlehre, fing in Bitterfeld bei der Konsumbäckerei an und blieb bis zur Betriebsauflösung 1991 – mit Ausnahme seines Wehrdienstes. Er leistete die 18 Monate in der Küche der Wolfener Kaserne ab. Detlef kann sich noch genau an die Nachricht vom Mauerfall erinnern. Seine Schwester rief an, sie wohnte in Berlin. Gemeinsam mit ihr und seinen Eltern überquerte er die Grenze drei Tage später das erste Mal. Tanja und Detlef lernten sich 1992 als Mitglieder der „Roitzscher Eisdielenclique“ kennen. Sie freundeten sich an, machten gemeinsame Unternehmungen und verliebten sich. 1993 haben sie geheiratet. Sie kümmerte sich um ihre Mutter, die 1996 an Krebs erkrankte und zwei Jahre später verstarb. Wenige Monate zuvor war Tanjas und Detlefs erster Sohn, Philipp Jon, zur Welt gekommen. 2006 wurde der zweite Sohn, Tassilo Jaan, geboren. Nach einer Wirbelsäulen-OP im Februar 2013 war Tanja auf den Rollstuhl angewiesen und kann sich bis heute nur mit Hilfsmitteln fortbewegen. Für Detlef ging es nach der Wende in einer Großbäckerei im Brehnaer Gewerbegebiet weiter – nach mehreren Umfirmierungen heute die Lieken AG. Er fühlt sich wohl in seinem Job, auch wenn sich dieser über die Jahre doch sehr gewandelt hat: Von anfangs handwerklicher Arbeit zur industrieller Produktion. Durch einen Unfall ist er gesundheitlich eingeschränkt und arbeitet jetzt größtenteils in der Verpackung. Den Ausgleich zur Arbeit findet Detlef in der Gartenarbeit. Tanja kocht und bäckt leidenschaftlich gern. Ihre Liebe zu Büchern teilt sie inzwischen mit ihren Söhnen und den Freunden auf www.bookcrossing.com. Als phideta ist die Familie seit 2014 auf www.postcrossing.com aktiv. Gemeinsam mit Tante, Schwester, Cousinen und kürzlich verstorbener Oma Edith wohnt die Familie seit 17 Jahren in der Villa des ehemaligen Zuckerfabrikbesitzers. Sie verbringen ihre Zeit am liebsten im Kreise ihrer Lieben, sind gerne an der See und wünschen sich für die Zukunft vor allem Gesundheit.