MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Lothar Pötzsch
Viel erlitten, viel erduldet, viel bewegt, viel geschaffen und viel weitergegeben – im Wandel der Zeiten
Dorfstr. 62
09306 Königshain OT Wiederau
Viel erlebt hat der 1926 als Sohn von Landwirten geborene Lothar Pötzsch: Er war ein Einzelkind. Die Eltern erwarben eine Butterhandlung in Königshain, kauften auf, bereiteten auf, verkauften Butter, Eier, Quark und Käse – heute würde man Molkereiprodukteverkauf sagen. Für den Unterhalt der Familie langte das nicht. Der Vater musste noch eine zusätzliche Arbeit aufnehmen. Auch Sohn Lothar zog mit dem Handwagen los, holte bei den Landwirten Butter und Quark. Der Vater erwarb noch eine kleine Wirtschaft, die er zusätzlich betrieb. Hungern musste damals keiner, erzählt Lothar Pötzsch. 1933–1941 besuchte er die Schule, erinnert sich an den langen Schulweg bei Wind und Wetter und die vielen Kinder mit denen herumgeräubert werden konnte. Eine schöne und wohlbehütete Kindheit, an die er sich gerne erinnert. Doch der Ernst des Lebens wartete schon. Zwei Jahre bevor er die Schule verließ hatte der Krieg begonnen. „Wir haben davon geredet, aber gespürt haben wir noch nichts,“ berichtet er und davon eine Lehre bei einem großen landwirtschaftlichen Lehrbetrieb absolviert zu haben. Im Herbst 1943 folgten zwei Monate Landwirtschaftsschule. „Dann war Feierabend“ sagt er. Wehrertüchtigungslager in der Tschechei, danach Arbeitsdienst in Ostpreußen und die Einberufung zum Militär folgten. Über Polen ging es nach Ungarn als Mitglied der Waffen-SS und im Nachrichtendienst eingesetzt. Er war fast noch ein Kind, stand erst an der Schwelle zum Erwachsenwerden! Und nun: In vorderster Front, im Kessel von Budapest der am 24.12.1945 zu war. Am 23.02.1945 ging er in russische Gefangenschaft. In Reihen abgeführt wurde auf ihn und die anderen Mitgefangenen willkürlich geschossen und er mit einem Halsschuss lebensgefährlich verletzt. Kameraden hoben ihn auf, sorgten für ihn. Ein Lazarett sah er nicht, wurde stattdessen in ein Lager nach Rumänien gebracht und konnte sich nur nur knapp dem Weitertransport nach Russland entziehen. Knochensplitter in der Speiseröhre wurden nie entfernt. Noch heute leidet er an den Folgen. „Entweder hast du es überstanden, oder nicht....“ berichtet er davon und auch der Prüfung auf Waffen-SS-Zugehörigkeit entgangen zu sein und so im Herbst 1945 aus der Gefangenschaft entlassen worden zu sein. 19 Jahre war er nun, am Ende seiner Kräfte und hatte Glück überhaupt überlebt zu haben. Als Schirrmeister nahm er in der Landwirtschaft die Arbeit auf, lernte seine Frau Hildegard kennen (geheiratet 1948, verstorben 2016), die 1953 den Hof Ihrer Eltern übernahm. Die Eheleute bewirtschaften ihn nun gemeinsam bis 1960. „Dann folgte die Zwangs-Kollektivierung in der Landwirtschaft,“ erklärt er die damaligen Ereignissen. Man fühlte sich enteignet, bevormundet und die Lebensumstände verschlechterten sich. Mit Freude nahmen sie die Wiedervereinigung Deutschlands zur Kenntnis. Als Wiedereinrichter konnten sie nun ihr früheres Land wieder selbst bewirtschaften, pachteten und kauften weiteres dazu. 1991 gab es endlich wieder die erste Ernte vom privaten Feld. Dass Tochter Christine (Landwirtin) mit ihrem Mann den Hof fortführt und zusammen indessen 2014 das 100-jährige Hoffest gefeiert werden konnte, macht Lothar Pötzsch glücklich. Einflussnahme herrscht in der Landwirtschaft auch heute wieder. Alle sieben Jahre neue EU-Agrarreformen, die berücksichtigt werden müssen. Ökologischer Landbau ist Forderung, Anbau-Vorgaben an der Tagesordnung, bürokratischer Aufwand nimmt zu und die Vermarktung liegt in eigener Hand. Die Preise orientieren sich am Weltmarktpreis, können nicht selbst festgelegt werden. Es gehört schon viel Liebe zum Beruf, aber auch Mut und Einsatzbereitschaft dazu, sich all dem zu stellen. Lothar Pötzsch kommen die Tränen wenn er – emotional berührt – aufzählt, worauf er besonders stolz ist: „ Das Geschaffene, meine Tochter, meine Frau und meine Enkel.“ Er wünscht sich, dass der Betrieb weitergeht. Tochter Christine lässt die gleiche Leidenschaft erkennen, die ihren Vater immer bewegte und somit wird das wohl gelingen.