MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Dr. Roswitha Picht
Ein zweites Mal studiert
Diplom-Mathematikin
König-Heinrich-Str. 81
06217 Merseburg
Wird sie nach ihrem Hobby gefragt, entgegnet Dr. Roswitha Picht aus Merseburg: „Mein Beruf“, so als wäre das für die Diplom-Mathematikerin die normalste Sache der Welt. Mit den Zahlen hatte sie es schon als Kind. Im Alter von sechs Jahren stand für die wissenschaftliche Mitarbeiterin fest, Mathematiklehrerin werden zu wollen. 1953 in Stralsund geboren, wuchs die Tochter eines Schmieds und Vermessungstechnikers sowie einer Hauswirtschafterin in Steinhagen, nahe der Hansestadt, mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder auf. Sie ging auf die Erweiterte Oberschule (EOS), besuchte die Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) in Halle und machte das Abitur.Ein Jahr lang wollte sie sich dort auf ein Auslandsstudium in der Sowjetunion vorbereiten. „Ich wollte unbedingt im Ausland studieren, alternativ wäre auch Ungarn in Frage gekommen“, blickt die promovierte Mathematikerin zurück. Doch es kam alles anders, erinnert sie sich und spricht von einem „Exotenjahrgang“, dem sie angehörte.Sie, die ursprünglich ins Ausland wollte, sich dann aber für ein Mathematikstudium in Greifswald oder Jena entschieden hatte, studierte von 1972 bis 1977 an der Technischen Hochschule „Carl Schorlemmer“ in Merseburg. „Damals ging es dort mit dem ersten Semester für angehende Hochschulmathematiker los und ich war dabei“, sagt Roswitha Picht. Sie schloss mit dem Diplom ab und war fest entschlossen, als wissenschaftliche Assistentin in der Numerik neben ihrer Arbeit in der Ausbildung von Chemie-, Physik- und Rechentechnik-Studenten auch zu forschen und ihre Doktorarbeit zu schreiben. Optimierung und Intervallmathematik waren ihre Schwerpunkte.1982 promoviert, wurde sie übernommen und bekam eine Stelle an der Hochschule. „Als die Wende 1989 kam, wurde die Hochschule geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen. Von 300 Leuten sollten 20 dableiben, es gab nur noch befristete Arbeitsverträge“, schildert die wissenschaftliche Assistentin die damalige Situation. Sie trat „die Flucht nach vorn“ an, wie sie hervorhebt, ging nach Halle und orientierte sich neu in der Informatik.
„Geschadet hat es mir nicht“, schätzt Roswitha Picht selbstbewusst ein. Sie erlernte in Vorlesungen Softwaretechnik und Programmiersprachen, vier, fünf Jahre dauerte es, um hier Fuss zu fassen. Die „Lehrerin von Anfang an“, als die sie sich sieht, legte sozusagen mit 50 noch mal ein zweites Studium hin. Dr. Picht, seit 1984 verheiratet mit Hans-Peter Picht, Professor für Thermodynamik und Wärmelehre, und Mutter einer gemeinsamen Tochter (Rena, geboren 1982, ist Innenarchitektin) ist mit ihrem Leben glücklich und zufrieden. Die ehrgeizige und zielstrebige Frau, geprägt vom eigenen Elternhaus und stets guten Lehrern, strahlt dies mit einer gewissen Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Ihr größtes Hobby, die Mathematik, hat die gebürtige Mecklenburgerin, die auch gerne näht, strickt und häkelt, zum Beruf gemacht. Dennoch nimmt sie sich Zeit für Ehrenämter im von ihr mit ins Leben gerufenen Verein Keramikkunst Merseburg oder auch im Kulturverein Ölgrube, in dem Ehemann Hans-Peter zwölf Jahre lang Vorsitzender war. Die Liebe für den Garten am Haus verbindet zudem. Beide haben sie den grünen Daumen – er für Gemüse, sie für Blumen.