MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Sigurd Boas
„Mache nie das, was die Masse macht!“
06116 Halle
Sigurd Boas war schon immer ein aufgeschlossener Mensch mit eigenem Kopf. Er wurde am 15.07.1937 in Halle geboren, machte nach der 8. Klasse eine Ausbildung zum Landwirt. Sein Vater, ein Tabakwaren-Großhändler, wurde 1949 als Kapitalist verhaftet und flüchtete nach Westberlin. 1954 konnte die Mutter Amnestie für ihn erlangen, so bekam er seinen Besitz wieder und Sigurd stieg im väterlichen Geschäft ein. Da der Großhandel sich immer weniger lohnte, sattelten sie auf ein Fuhrgeschäft um. Doch Ende 1956 gerieten die beiden in Streit. Auslöser war Sigurds damalige Freundin. Sie war schwanger von ihm, der Vater jedoch der Meinung, sie sei nicht gut genug für seinen Sohn. Nach einem Monat als Etagenfahrer in einer Druckerei ging Sigurd nach Essen, arbeitete dort kurz im Bergbau, dann als Eiswagenfahrer. 1958 kam er zurück und heiratete die Mutter seines 1957 geborenen Sohnes Gunter. Beruflich wurde ihm eine „Bewährung“ in einem parteieigenen Betrieb vorgeschrieben, um nicht als Landwirt oder im Bergbau arbeiten zu müssen. Er ging in die Filmfabrik, arbeitete ein Jahr im Lager, als Kurzfilm-Disponent und als Kraftfahrer. Dann wechselte er über Beziehungen zu einer Zigarrenfabrik. Gemeinsam mit dem Inhaber und dem Prokuristen führte er die komplette Verwaltung, regelmäßig standen Dienstreisen an. Spannende sechs Jahre, die 1964 ein jähes Ende fanden, als der Inhaber verstarb. Er erbte ein Drittel der Fabrik, doch der Geschäftsbetrieb wurde staatlich gelenkt eingestellt. Sigurd wurde Einsatzleiter in einem Haushaltswaren- und Ofengroßhandel. Ebenfalls eine schöne Zeit, doch aufgrund von Differenzen mit dem Juniorchef orientierte er sich erneut um. Ab 1968 war er für die kommenden 24 Jahre Leiter für Gerüstbau bei einem VEB Hochbaukombinat. Auch diese Zeit hat er in guter Erinnerung. Im Zuge der Betriebsauflösung ging er 1992 in den vorzeitigen Ruhestand. Heute sucht Sigurd Boas gerne die Geselligkeit am Stammtisch. Er ist Skatspieler, genießt es aber auch, einfach mit den unterschiedlichsten Typen ins Gespräch zu kommen und sich in deren Welt hineinzuversetzen. Er mag Menschen, die „nicht nullachtfünfzehn“ sind und wie er offen auf andere zugehen. Glück bedeutet für ihn Abschalten, Entschleunigung. Seine Ehe zerbrach nach acht Jahren, Hintergrund war eine uneheliche Tochter. Zu beiden Kindern hat er Kontakt, auch ein Enkelkind gehört dazu. Seit 13 Jahren hat Sigurd eine feste Freundin. Die beiden leben nicht zusammen, genießen aber die gemeinsamen Unternehmungen.