MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Bärbel Otto
„Die Tränen lassen nichts gelingen. Wer schaffen will, muss fröhlich sein.“ (Theodor Fontane)
Näherin
Fachverkäuferin
Eberstr. 12
09326 Geringswalde
Als eins von sechs Kindern wurde das Mädchen Bärbel Freudenberg 1948 geboren. Die Mutter kümmerte sich um die Kinder, arbeitete nebenher als Reinigungskraft. Ihr Vater hatte die Familie verlassen. Bärbel sah ihn nur an den Wochenenden wenn er der Familie etwas Geld brachte. Für Bärbel Otto ist die Leistung ihrer Mutter heute rückblickend einzigartig. Sie ist ihr Vorbild geblieben. Armut prägte die Kindheit, ließ besondere Förderungen für sie und die Geschwister nicht zu. So konnte das Sport-Ass Bärbel nicht zur Sportschule gehen, obwohl ihre Leistungen großartig waren, sie im Geräteturnen einen Bezirksmeister-Titel erkämpfte. Ihre Berufswünsche Friseurin oder Verkäuferin redete ihr Vater ihr aus. Schließlich absolvierte sie nach Abschluss der 8. Klasse zwei Jahre eine Lehre zur Näherin. Doch die Arbeitsbedingungen und der Verdienst bei VEB Sternradio waren besser, so dass sie dorthin wechselte. Zehn Jahre blieb sie im Betrieb. 1972 hatte sie ihren Mann Manfred Otto (Ingenieur / Arbeit als Projektmanager / sehr guter, mitfühlender, handwerklich begabter und vielseitig talentierter Mensch / 2008 verstorben) geheiratet. Ein Jahr darauf wurde Sohn Silvio (Zweiradmechaniker) geboren. Bereits im zarten Alter von sechs Wochen erkrankte dieser sehr schwer, bedurfte fortan besonderer Obhut und Pflege. Es begann eine Odyssee von Arztkonsultationen, immer neuen Krankheitsbildern, lebensbedrohlichen Zuständen, psychischem Leidensdruck für Eltern und Kind. Erst 1975 konnte Bärbel Otto wieder eine Arbeit aufnehmen. Jetzt verwirklichte sie ihren Kindheitstraum, wurde bei der HO Verkäuferin. In einem Laden für Raumtextilien arbeitete sie und qualifizierte sich nebenher zur Fachverkäuferin. Aufgrund einer ärztlichen Empfehlung im Interesse des Sohnes verkürzt zu arbeiten, nahm sie zwei Jahre später eine Stelle bei der Konsumgenossenschaft an, wo ihr das ermöglicht wurde. In einem Schuhgeschäft erlebte sie die Wende und 1991 die Abwicklung dieses Ladens. Sie wurde entlassen – ohne Abfindung, denn dafür hatte die Konsumgenossenschaft kein Geld. Von 1993–2013 arbeitete sie nochmal 20 Jahre bei einem Schuhservice (später propedus. Orthopädie & Technik) ging dann in die Rente. „Ich bin für mein Leben gerne auf Arbeit gegangen und die Kunden haben das gespürt“ erzählt Bärbel Otto und sprüht noch immer vor Begeisterung bei dem Bericht über ihre Berufstätigkeit. Sie ist ein optimistischer Mensch, der viel erlebt hat, viel aushalten musste und sich trotzdem nie unterkriegen ließ. Sie hat trotz aller Widrigkeiten etwas aus ihrem Leben gemacht und danach gefragt, was SIE glücklich macht, sagt sie: „Wenn es meinem Sohn gut geht!“ Sie denkt eher an ihn als an sich selbst. Freie Zeit verbringt sie mit ihrer Freundin und beim Wandern, besucht Museen und Burgen. Könnte sie sich etwas wünschen, würde sie gerne einmal nach Irland reisen. Vielleicht wird dieser Traum ja einmal wahr. Verdient hätte sie es, dass sich ihr das Glück einmal etwas mehr zuwendet als bisher im Leben.