MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Erich Oberthür
Ein Ingenieur mit Leib und Seele
Diplom-Ingenieur für Betrieb und Verkehr
Direktor der Ingenieur-Schule für Transport- und Betriebstechnik
Klosterstr. 1
99867 Gotha
„Meine Frau hat sich 60 Jahre lang um mich gekümmert, jetzt kümmere ich mich um sie“ meint der 93-jährige Erich Oberthür mit Nachdruck, wenn man ihn nach seinen persönlichen Verhältnissen fragt. Seiner Frau Waltraud, mit der er seit 1946 verheiratet ist, geht es seit einiger Zeit gesundheitlich nicht sehr gut und ihr Mann will ihr gerade jetzt zurückgeben, was sie einst für ihn getan hat. „Ich möchte 100 Jahre alt werden, wenn sie mitmacht“.
Erich Oberthür kommt am 5. August 1922 in Erfurt zur Welt. Er lernt von Kind an in einer Familie mit vier Kindern Nehmen und Geben, Gemeinschaftssinn und Verantwortung. 1940 schließt er die Schule mit dem Abitur ab. Als Erntehelfer seiner Bauernverwandschaft sind schwere Arbeiten schon früh sei Eigen und die Schule lehrt Grundlagen, auf denen er mit dem Studium an der HFV Dresden wissenschaftlich aufbaut. Der Vater möchte, dass es seine Kinder einmal ein besseres Leben führen können, als er selbst. Und noch etwas lehrt er sie: „Zwei Jahre Zuchthaus sind besser, als zwei Jahre Soldat“. Doch die Zwänge des Nazireiches gehen in dieser Zeit auch an Erich Oberthür nicht spurlos vorüber. Nach dem Abitur muss er zum Reichsarbeitsdienst (RAD) und im Jahr 1941 meldet er sich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht. Er dient zunächst an der französischen Atlantikküste und hört die Nachricht vom Überfall auf die Sowjetunion während eines Aufenthaltes auf dem Eiffelturm. Später wird der junge Soldat nach Norwegen versetzt und kommt später in Serbien bei der Partisanenbekämpfung zum Einsatz. Durch eine Miene schwer verletzt, erblindete sein linkes Auge.
Im Jahr 1945 gerät Erich Oberthür in Kriegsgefangenschaft, wird in Aalen in Baden-Württemberg interniert, wo ihm sogar noch einmal der Wehrsold ausgezahlt wird und kehrt dann nach Erfurt zurück, wo er sein Elternhaus zu 80 Prozent zerstört vorfindet. Er fängt bei der Bahn als Betriebsarbeiter an, lernt hier die Grundlagen des Eisenbahnbetriebes in der Praxis kennen, absolviert eine dreijährige Ausbildung zum Reichsbahn-Inspektor und ist anschließend auf verschiedenen Bahnhöfen tätig. Im Jahr 1952 beginnt Erich Oberthür ein siebenjähriges Fernstudium an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden und wird während dieser Zeit Gruppenleiter für Betriebstechnik. Nach dem Fernstudium darf er sich Diplom-Ingenieur nennen und lehrt später an der Ingenieursschule für Betriebs- und Verkehrstechnik, deren Direktor er 1962 wird. Die oben beschriebene Kenntnisse und Fähigkeiten prädestinieren ihn dazu. Auf diese Zeit ist er besonders stolz.
Zwanzig Jahre später wird er invalidisiert und nutzt die nun freie Zeit, um die Geschichte „seiner“ Schule bis 1982 aufzuschreiben. Erich Oberthür baut nach 1990 die regionale Organisation der GdED, der heutigen EVG, leitet zeitweilig deren Bahnsozialwerk in Gotha und organisiert bis 2007 zahlreiche Fahrten und Wanderungen.
Sein 1951 geborener Sohn Lutz ist gelernter Werkzeugmacher, genau 30 Jahre später kommt der Enkel Christian zur Welt. Zur Familie gehört inzwischen auch eine Urenkelin. Bis heute sieht Erich Oberthür sein größtes Glück im Zusammenleben mit seiner Frau und er wünscht sich, nach ihr in aller Ruhe einzuschlafen.