MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Herbert Nieme
„Die Wende ging auf unserer Kosten“
Große Ritterstr. 70 c
06780 Zörbig
Der größere Teil seines Lebens liegt wohl mit über 80 Jahren hinter einem. Über den größten Teil seiner Erfahrungen verfügt man aber erst jetzt. 1930 geboren und von 1936–1945 die Schule besucht, gab es in dieser Zeit wenig Möglichkeiten eine Lehrstelle zu erhalten und gar einen bestimmten Wunsch dabei zu favorisieren war schon gar nicht möglich. So lernte der junge Herbert, was ihm möglich war – wurde Zimmermann. Die Kindheit war nicht gut, zu Hause wollte er nicht länger bleiben. Und da in dieser Zeit die Kasernierte Volkspolizei die Werbetrommeln rührte, verband er das Gute mit dem Nützlichen, wurde Wachtmeister im Grenzdienst und ab da auf Patrouille unterwegs. Doch was erst so erstrebenswert erschien, verlor seinen Reiz, als er seine Frau Elli (geb. 1930, Verkäuferin) kennenlernte. Versetzungen und Dienste widersprachen dem Bedürfnis auf Nähe ein Gemeinsamkeit. 1950 wurde geheiratet. Die Kinder Brigitte (geb. 1951), Barbara (geb. 1952) und Torsten (geb. 1965) bereicherten die Familie. Herbert Nieme arbeitete erst wieder im Zimmermannsberuf (bis 1956) im Kreisbaubetrieb Bitterfeld, später als Arbeitsnormer, und organisierte als Dispatcher Produktionsabläufe im Betrieb bis 1985. Das theoretische Rüstzeug erlangte er bei entsprechenden Lehrgängen. Auf Grund seiner langen Praxis-Erfahrung erhielt er den Meistertitel zuerkannt, trug als Betriebsteilleiter für 180 Beschäftigte Verantwortung bis zur Wende. Mit ihr wurden die Volkseigenen Betriebe der DDR aufgelöst oder in alte Strukturen von 1952 übergeben. In diesem Zuge entstand die GmbH Erd-, Hoch- und Ausbau, der Herbert Nieme als Geschäftsführer vorstand. An Aufträgen fehlte es nicht, die Qualität der Arbeit war gefragt. Viele Einfamilienhäuser und Schulen wurden in den alten Bundesländern gebaut – nur bezahlt wurden die meisten nicht. Als 1,8 Millionen Mark Außenstände erreicht waren, musste Konkurs angemeldet werden. Soziales Anliegen war dem Geschäftsführer Nieme in schwerer Zeit, wenigstens die Arbeiter und Angestellten nicht ohne Lohn zu lassen. Die Familien brauchten dieses Einkommen. Er bezahlte jeden bis auf den letzten Pfennig – zu Lasten anderer Ausgaben, unter anderem der Sozialabgaben und Steuern. Nie wird er vergessen, was ihm während der Konkursabwicklung vorgehalten wurde: „Sie sind zu sozial, so jemanden können wir in unserer Gesellschaft nicht brauchen.“ Noch heute zahlt er von seiner geringen Rente privat für die Schulden der GmbH, für die er zum Teil persönlicher Haftung unterlag. Ehefrau Elli ist froh mit der Wende nicht auch in die Selbstständigkeit gegangen zu sein. Sie hat bei ehemaligen Kollegen beobachtet, wie sie sich hoch verschuldeten, später ihre eröffneten Läden wieder schließen mussten – und schließlich hatte sie schon das 60. Lebensjahr erreicht und ein arbeitsreiches Leben hinter sich gebracht. „Arbeiten musste man uns nicht beibringen, wir haben aus wenig viel gemacht und dabei konnte jeder ruhig und ohne Existenzangst leben“, sagt sie heute und bedauert, die Entwicklungen im vereinten Deutschland. Sie steht den Menschen ins Gesicht geschrieben, wenn man in die Mienen schaut und nicht auf das Äußere. Ihrem Mann Herbert schaut sie seit über 60 Jahren nicht nur in das Gesicht, sondern auch in sein Herz und ist stolz einen solch gradlinigen Mann an ihrer Seite zu haben.