MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Ingeborg und Horst Bienwald
„Das Glück kann man verdoppeln, indem man es teilt.“ (Volksmund)
Arbeiterin
Betriebs- und Lokschlosser
Gutenbergstr. 60
09669 Frankenberg
Das Einzelkind Horst Bienwald wurde in Frankenberg geboren. Fünf Jahre war er alt, als sein Vater aus russischer Gefangenschaft heimkehrte. Er berichtet, nie vergessen zu können, wie sein Vater aussah: Heruntergelumpert, ausgemergelt, halb verhungert und in Holzschuhen kam er zu Hause an. Der Großvater – als Heizer in einer Russen-Kaserne beschäftigt – brachte jeden Abend von der Arbeit fettige Kascha (russische Buchweizengrütze) mit, die der Vater förmlich herunterschlang und so langsam wieder zu Kräften kam. Vor dem Krieg bei der Bahn als Fahrdienstleiter beschäftigt, arbeitete er nach seiner Rückkehr in einem Elektrowärme-Betrieb. Die Mutter war in einer Kunstblumen-Firma beschäftigt. Sohn Horst hatte von Kindesbeinen an den Wunsch in die Fußstapfen des Vaters zu treten und zur Bahn zu gehen. Nach der 8-jährigen Schulzeit lernte er deshalb den Beruf Betriebs- und Lokschlosser im RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) Chemnitz, blieb nach der Lehrzeit als Facharbeiter im Betrieb tätig – bis zu seinem Gang in den Vorruhestand und in die Rente mit 55 Jahren. Arbeitslosigkeit lernte er nie kennen. Er erinnert sich an seine Arbeit: „Mir hat die Arbeit Spaß gemacht. In unserem Reparaturbetrieb haben wir die Dieselloks komplett auseinander genommen. Da war nur noch das Gehäuse übrig und wir haben sie dann instand- und wieder zusammengesetzt.“ Trotz der Begeisterung für seinen Beruf freute er sich über den zeitigen Ruhestand. Einmal im Jahr trifft er sich seither mit den Kollegen der ehemaligen Meisterei im Betrieb. Bei einer kleinen Führung sehen sie sich die Entwicklung an. Von ehemals 3500 Arbeitern ist das Werk indessen auf ca. 120 Beschäftigte geschrumpft, berichtet er vom Wandel. Ehefrau Ingeborg steht seit der Hochzeit 1960 fest an seiner Seite. Als Ingeborg Riedel kam sie 1937 in Eulendorf zur Welt. Ihren leiblichen Vater hat sie nie kennengelernt, wuchs mit Mutter und sieben Halbgeschwistern in großer Familie auf. 1943–1951 besuchte sie die Schule, wusste nicht so recht was sie danach weiter tun sollte. Gerne hätte sie in der Weberei Oederan gelernt, doch ohne Fahrrad war es nicht möglich den Ort zu erreichen und die wirtschaftliche Situation im Elternhaus ließ die Anschaffung eines Rades nicht zu. So musste sie sich nach einer Beschäftigung in der Nähe umsehen, arbeitete ein Jahr in Eulendorf in der Landwirtschaft. Später konnte sie in der Spinnerei Falkenau in Schichten arbeiten, weil ein werkseigener Bus die Hin- und Rückfahrt ermöglichte. Ihren Mann lernte sie auf dem Tanzboden kennen. Die Kinder Frank (geb. 1962, Klempner, zwei Kinder, eins tödlich verunglückt) und Ines (geb. 1968, Bürokauffrau, ein Kind) wurden Teil der Familie. Um sich den Kindern gut widmen zu können, wechselte Ingeborg Bienwald den Betrieb und wurde in Heimarbeit für eine Elektrofirma tätig. „Nach der Arbeit habe ich auch mit geholfen, im Handwagen oft auch die Lieferungen weggebracht“ erzählt Horst Bienwald von dieser Zeit. 20 Jahre arbeitete sie so. Dann sollte die Arbeitszeit begrenzt werden und der karge Verdienst sich dadurch noch mehr verringern. Das wollte Ingeborg Bienwald nicht hinnehmen. Sie beendete die Heimarbeit, fing im VEB ELFEMA (Elektro- und Feinmechanik) an, blieb hier bis zum Renteneintritt mit 60 Jahren tätig. Seit 1985 (damals Neubau) bewohnen die Bienwalds ihre Wohnung. Nun sollen die Wohnblöcke abgerissen werden und steht ein Umzug bevor – mit ein wenig Glück in eine Einrichtung für betreutes Wohnen, die demnächst entstehen soll. Ihre Kinder sind immer für die Eltern da, unterstützen wo sie können. Das Ehepaar freut sich über den familiären Zusammenhalt und ist dankbar für die Hilfe. Der Briefmarkensammler Horst Bienwald bedauert, dass seine Sammlung in der Familie keine Übernahme finden wird. Die Interessen der Kinder und Enkel sind heute andere als zu der Zeit als er von seinem Vater die Sammelleidenschaft übernahm.