MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Renate Müller
„Die allerwichtigste Sache ist: Gutes tun, weil nur dafür der Mensch lebt. (Leo Tolstoi)
Geflügelzüchterin
Altenpflegerin
Am Friedenseck 13
09306 Rochlitz
Renate Müller (geb. Scheffler) kam 1950 als eins von fünf Kindern eines Dienstmädchens und eines Schweizers zur Welt. Die Eltern bewirtschafteten später eine Neubauernstelle bis der Vater an den Folgen einer Kriegsverletzung erkrankte und die schwere Arbeit nicht mehr ausüben konnte. So gab er die Stelle ab, wurde Schäfer. Das Mädchen Renate schloss 1964 die schulische Ausbildung ab. Zeitig wurde sie zur Arbeit herangezogen, lernte Aufgaben zu erfüllen und Verantwortung zu tragen. Ihr Kindheitstraum war Köchin oder Bäckerin zu werden. Schon als Schülerin der 6. Klasse hatte sie Nachmittage beim Bäcker verbracht, und geholfen was die Kinderhände vermochten: Kuchenbleche gesäubert und Abwasch erledigt. Andere Nachmittage half sie in der Schweineaufzuchtanlage Naundorf. Sie denkt heute noch gerne an die Zeit zurück und lacht über Episoden wie das Hineintreten in einen Käsekuchen in einem dunklen Hausflur, wo auf Stroh gestellt wurde, was in die Stiegen beim Bäcker nicht mehr passte. Und wie ihr der Chef der Schweinezuchtanlage eine kleine Sau schenkte. In der Einkaufstasche brachte sie das Ferkelchen stolz nach Hause. Bei der späteren Schlachtung des Tiers konnte sie keinen Bissen davon herunterbringen. Als der Vater eine Schäferstelle in der Nähe von Potsdam übernahm und die Familie umzog, arbeitete sie – ohne Berufsabschluss – in der Landwirtschaft. Doch sie wollte mehr, holte die 9. und 10. Klasse nach, lernte den Beruf Geflügelzüchterin. Später im Feldbau tätig, lernte sie hier ihren ersten Mann kennen, heiratete ihn 1968 – selbst erst 18-jährig. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung zog das junge Paar ins Vogtland. Doch die Ehe hielt nicht lange. Nachdem 1970 Sohn Jörg (Maurer) geboren war, trennte sich die junge Mutter von ihrem Mann und kehrte mit dem Kind in das Elternhaus zurück. Die Scheidung 1972 ließ neues Glück zu. Die Eheschließung (1972) mit dem Maschinenschlosser Roland und die Geburt der gemeinsamen Tochter Birgit (geb. 1973, Pelztierzüchterin, Reiseverkaufsfrau) stand unter einem besseren Stern und hat indessen Jahrzehnte währendes Glück gebracht. Renate Müller arbeitete nach der Rückkehr zu den Eltern erst in der Brauerei „Löwenbräu“ in zwei Schichten. „Ich war ein Gutverdiener, erhielt 360 bis 380 Mark und 26 Flaschen Bier in der Woche“ berichtet sie lachend. Nach zweiter Eheschließung, Geburt der Tochter und Auszug aus dem Elternhaus konnte die junge Familie auf dem Bauerngut einer Tante ihres Mannes eigene Zimmer beziehen – mit Plumpsklo im Haus und Wasser eine Treppe tiefer. Der Bürgermeister suchte gerade Hände ringend eine Köchin für den Erntekindergarten und so realisierte sich spät endlich der Traum von der Arbeit in diesem Beruf. Ohne Möglichkeit der Unterbringung der Tochter, wurde diese im Kinderwagen mit zur Arbeit genommen. In kleiner Küche, mit schmalem Budget in eigener Verantwortung, Vorgaben für gesunde Ernährung und selbstständigem Einkauf wurden so in den Monaten März bis Oktober täglich 27 Portionen von ihr zubereitet. Der Umzug nach Rochlitz brachte berufliche Veränderung mit sich. Als Justizwachtmeister sorgte sie fortan für Strafgefangene, deren Aufenthalt, deren Zuführung und deren Verfügbarkeit für die Verfahren und mehr. Als 1976 Sohn Jörg eingeschult wurde, nahm Renate Müller eine Teilzeittätigkeit als Küchenkraft in der Geflügelwirtschaft Rochlitz auf um sich besser den Familienangelegenheiten widmen zu können. Ein Jahr Arbeit in der Molkerei folgte bevor sie im Rat des Kreises Rochlitz in der Betriebswache anfing und später als Diensthabende Verantwortung trug. Wegen der Pflege einer Bekannten gab sie ihre Arbeit auf, stand ihr bis zum Tod zur Seite. Sie folgte weiter ihrem Anspruch für andere da zu sein, übernahm immer wieder Pflegeaufgaben und konnte letztendlich in der Volkssolidarität entsprechend arbeiten und eine Umschulung zum Altenpfleger erfolgreich abschließen. Nebenher versorgte und pflegte sie auch noch ihre Eltern, die Schwiegermutter und ihre Großmutter. „Mir ist nichts geschenkt worden, es war nicht einfach, aber ich habe es gerne gemacht“ sagt sie bescheiden. Die Last machte sich bald bemerkbar mit eigener Erkrankung und Erwerbsunfähigkeitsrente. Zu helfen war immer ihr wesentlichster Wunsch. „Ich habe immer versucht für diejenigen da zu sein die mich gebraucht haben“ sagt Renate Müller ganz selbstverständlich. Sohn Jörg hat die
Einstellung der Mutter verinnerlicht. Jetzt wo sie selbst teilweise Hilfe braucht, kümmert er sich rührend. Und wenn die Enkelkinder kommen, sagt sie, ist jedes Problem sowieso vergessen. Es fühle sich an als wenn die Sonne herein scheint.