MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Osia Müller
Vielen Menschen Freude bereiten
Drehorgelspielerin
Reinsburgstraße 90
70178 Stuttgart
Fon: 0711 / 625476
Sie ist heute ein schwäbisches Original mit ihrer Drehorgel. Dabei ist Osia Müller weder Schwäbin – sie ist erst im Alter von 21 Jahren nach Süddeutschland gekommen – noch hat sie sich früher für Jahrmarktsorgeln interessiert. Alfred Müller, ihr Mann, war so fasziniert von diesen Instrumenten, dass er seine Bank 1975 davon überzeugen konnte, ihm für den Erwerb einer Drehorgel mehr als zehntausend Mark zu leihen.
Kennengelernt haben sich die beiden kurz nach dem Krieg in der Heimat von Osia Müller, in Neapel. Sie kam dort 1926 als Tochter gut situierter Geschäftsleute zur Welt, hatte gerade das College abgeschlossen. Er, gebürtiger Schwabe, hatte sich nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft in der Stadt am Vesuv niedergelassen, sprach perfekt italienisch und englisch. Schon damals schwärmte er von Drehorgeln, doch in Italien waren keine aufzutreiben, lediglich „Pianinos“ und „Organillos“ kennen die Südeuropäer. Nach der Hochzeit beschlossen die beiden, nach Deutschland überzusiedeln. Auch dieser Schritt lief anders als bei den meisten Paaren, zuerst zog Osia Müller mit der kleinen Tochter nach Stuttgart, ihr Mann musste wegen fehlender Papiere noch in Italien ausharren. Ihr Leben in Deutschland gestaltete sich von Anfang an schwierig, doch die beiden Unzertrennlichen kämpften sich durch. Er arbeitete auf dem Bau, sie als Putzfrau an der Stuttgarter Universität. Als das jüngste der vier Kinder die betreuungsintensive Zeit hinter sich hatte, setzte Alfred Müller seinen Traum endlich in die Tat um und begann, auf Straßen und Festen Drehorgel zu spielen. Bald hatte er seine Frau angesteckt, und sie erfreute seither mit ihrem Spiel und ihrem freundlichen Wesen viele Menschen in Stuttgart und Umgebung. Tag für Tag war sie mit dem Instrument unterwegs, Urlaub blieb, bis auf einige Tage in ihrer Heimat, ein Fremdwort für sie. Noch heute, im Alter von 82 Jahren, tritt sie auf Familienfesten und der Ludwigsburger Antikmeile auf. Reichtum konnte sie mit der Drehorgel nicht erwerben, doch auch den Dank vieler begeisterter Zuhörer betrachtet Osia Müller als Auszeichnung und Lohn. Kürzlich empfing sie gar der Oberbürgermeister von Stuttgart. Für die Zukunft hat die streng Gläubige nur einen Wunsch: Gott möge sie nicht verlassen und ihr noch viele Jahre gemeinsam mit ihrem Mann schenken.