MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Margrit Merker
„Einen Lottogewinn wünsche ich mir, damit ich mal allen was zukommen lassen kann.“
Hauptstr. 13
06792 Sandersdorf
Fon: 03493 / 88438
„Ich war ein Engel“, sagt die 1938 geborene Margrit Merker, und lacht. Sie meint ihren Geburtsnamen damit, denn die Kindheit und Jugend in Kriegsjahren zu verbringen war wohl kaum das Glück eines Engels. Mit nur 13 Jahren beendete sie die Schule – nach acht Klassen, wie damals üblich. Gerne wäre sie Friseurin geworden, doch der Vater fand diesen Beruf nicht gut genug für seine Tochter. „Anderen Leuten die Läuse von den Köpfen holen....“, das konnte nicht die Erfüllung sein, fand er. So lernte sie bei der Handelsorganisation (HO) den Beruf der Verkäuferin, arbeitete im Anschluss ein Jahr lang in diesem. Unzufrieden mit dem geringen Verdienst und aufgeschlossen Neuem gegenüber, wechselte sie als Kunststoffdreherin in das Chemiekombinat Bitterfeld. 1961 heiratete sie ihren Mann Werner (Bäckermeister, † 1987), der in dritter Generation in der Bäckerei Merker arbeitete. Selbstverständlich war, dass ihre berufliche Zukunft von nun an mit dem Familienunternehmen verbunden wurde. Aus einer Familie mit Bäcker-Ambitionen stammend, für sie kein Problem. Doch heute macht es sich in der Rentenberechnung äußerst negativ bemerkbar, „nur mithelfende Ehefrau“ gewesen zu sein – die soziale Stellung, die in der DDR die Ehefrauen in den Handwerksbetrieben hatten. Und dabei waren diese Frauen diejenigen, die oft alle Aufgaben außerhalb der Produktion erledigten. So auch Margrit Merker, die sagt: „Ich war das Mädchen für alles.“ Immer wurden Lehrlingen in der Bäckerei Merker ausgebildet und die Zahl der Angestellten lag zwischen 5–10. Mehr waren einem Handwerksbetrieb nicht gestattet. Es gab nur noch die „Pflaumenweiber“ – Renterinnen, die Obst und andere Zutaten aufbereiteten und damit unterstützten. Die Kinder Martina (geb. 1962, Verkäuferin), Hans-Werner (geb. 1966, Bäcker) und Elke (geb. 1969, Verkäuferin) traten zwar beruflich in die Fußstapfen der Eltern, doch als Ehemann Werner 1987 starb, war der Fortbestand der Bäckerei trotzdem nicht mehr gewährleistet. Es fehlte der Meister und Querelen, wer nun das Sagen haben sollte, führten zum Entschluss die Bäckerei ganz zu schließen. In der Staatlichen Versicherung und später Allianz arbeitete Margrit Merker fortan bis zur Kündigung – kurz vor Renteneintritt. Aus dem Bäckerladen wurde 1989 noch kurzzeitig ein Kurzwarengeschäft, das die Schwiegertochter betrieb. Eine Bäckerei (zu DDR-Zeiten acht in Sandersdorf!) gibt es heute hier nicht mehr. Das, obwohl die Bäckerei Merker in aktiver Zeit am Tag 15.000 Brötchen, 20 Blechkuchen, 20 Erdbeertorten und vieles anders mehr verkaufte. Der altdeutsche Dampfofen steht noch, doch ansonsten hat Margrit Merker das Haus nach der Wende komplett saniert und umgebaut. Sie ist stolz auf das Erreichte, immer für alle da und hält sich mit drei wöchentlichen Sporteinsätzen fit. „Ich will noch alt werden, um die anderen zu ärgern“, stellt sie scherzend in Aussicht.