MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Renate und Johannes Bernhardt
„Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten“ (Johann Peter Hebel)
Spinnerein
Klempner, Schlosser
Am Stadtbad 2
04769 Mügeln
Das Leben von Renate Bernhardt (geb. Busch) stand bei ihrer Geburt 1940 unter keinem guten Stern. Ein Jahr war sie erst alt, als ihr Vater bei Stalingrad fiel. Sie durfte ihn nie kennenlernen. Im Haus ihrer Oma geboren, dort aufgewachsen, musste sie nach der zweiten Eheschließung der Mutter mit dieser zum Stiefvater ziehen. Ihre Großeltern fehlten ihr schmerzhaft und so manche Nacht kletterte sie aus dem Fenster und floh zurück in deren Haus....Nach Abschluss der 8. Klasse ging sie in die Lehre und konnte so 1955 mit dem Einzug in das Lehrlingswohnheim der Baumwollspinnerei Mittweida dem Elternhaus entfliehen. Sie wurde Spinnerin, erhielt 45 Mark Lehrlingsgeld. Eineinhalb Jahre arbeitete sie im Beruf, dann setzte sie neue Prämissen: Sie hatte ihren Mann Johannes kennengelernt, 1959 geheiratet und war mit Sohn Frank (1960 geboren, 2000 verstorben) schwanger. Renate Bernhardt folgte ihrem Mann nach Mügeln. Hier wurde 1966 Sohn Kai geboren, 1967 folgten Sohn Uwe, der 12-Jährig tödlich verunglückte, und 1969 Sohn Steffen. Vier Enkel zählen indessen zur Familie. Renate Bernhardt arbeitete aushilfsweise um zum Familienetat beitragen zu können, immer wenn die Schwiegermutter die Kinder beaufsichtigen konnte. Als diese den Kindergarten besuchten, kehrte sie in die volle Berufstätigkeit zurück. Im VEB Varia (in der DDR hauptsächlich Produzent für Tuschkästen und Plastiline) nähte sie Arbeitsschutzbrillen in Handarbeit (Gummirand um Schweißerbrillen, acht Stunden lang, tagaus, tagein!). 1989 erfolgte im Zuge der Wende Stellenabbau. „Die ersten die gehen müssen sind die Frauen, wo die Männer noch Arbeit haben“ hieß es damals. Renate Bernhardt war dann eine der Betroffenen. Gesundheitliche Probleme führten sie in die Berufsunfähigkeit und frühe Rente. Johannes Bernhardt, 1935 als Sohn einer Raumpflegerin und eines Schlossers geboren, verlor seinen Vater ebenfalls sehr zeitig (1945, in Folge einer misslungenen Operation während des Krieges). 1941–1949 besuchte er die Schule, lernte dann den Klempnerberuf. Noch ledig, diente er drei Jahre bei der Kasernierten Volkspolizei, erlangte in dieser Zeit den Führerschein. Mit diesem konnte er – ins Zivilleben zurückgekehrt – als Kraftfahrer beim Konsum arbeiten. Er wurde später Zivilfahrer bei der Nationalen Volksarmee, wechselte dann in das Städtische Wasserwerk Mügeln und blieb hier bis zum Rentenbeginn tätig. Berufsbegleitend absolvierte er eine zusätzliche Schlosser-Ausbildung. Er erinnert sich gerne an den kollegialen Zusammenhang, das angstfreie Arbeiten, die betrieblichen Veranstaltungen und die Prämierungen zur Anerkennung guter Arbeit. Was an materiellen Werten fehlte war an sozialen Werten vorhanden. Der Gewinn von 98000 Mark im DDR-Telelotto im Jahr 1978 brachte für die Kinder ein Sparbuch und für die Familie ein Auto das gemeinsame Ausflüge ermöglichte. Viele sagten damals, die Bernhardts hätten großes Glück gehabt. Als zwei Jahre später ihr Sohn tödlich verunglückte hätten sie jeden Pfennig gerne zurückgegeben, wenn sie ihn damit nur zurückbekommen hätten. So nah liegen Glück und Unglück manchmal zusammen. Ehrlichkeit, Toleranz und Großmut haben von jeher das Denken und Handeln der Bernhardts bestimmt. Der familiäre Zusammenhalt hat sie stark gemacht. Früher aktiver Fußballer, ist Johannes Bernhardt heute fernsehender Genießer dieser Sportart. Ehefrau Renate widmet sich derweil ihren Handarbeiten oder bastelt mit den Kindern. Beide Kriegskinder wünschen sich eins ganz besonders: Frieden für allen Menschen!