MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Astrid Bertram
Das Leben so nehmen, wie es gerade kommt
Feinstrumpffacharbeiterin
Humboldtstr. 24 A
09669 Frankenberg
Fon: 037206 / 72281
Astrid Bertram wird 1939 im ostpreußischen Schlossberg geboren, der Vater ist Schachtmeister im Straßenbau und fällt 1942 an der Front. Die Mutter ist Hausangestellte, „in Stellung“, wie es zu dieser Zeit heißt. Im September 1945 wird die Familie ausgesiedelt. Das Mädel wächst bei der Großmutter auf, die sehr streng zu ihr ist. „Ich hatte keine schöne Kindheit“, bekennt Astrid Bertram ohne Umschweife. Gerade deshalb wächst früh eine gewisse Aufsässigkeit in ihr heran, noch heute ist sie kein Mensch, der sich etwas gefallen lässt. Durch Vermittlung der Großmutter wird sie Lehrling in einer Strumpffabrik. Die gelernte Feinstrumpffacharbeiterin verlässt bald ihren Betrieb, um in Rocklitz bei Stern-Radio als Bandarbeiterin mehr zu verdienen. Im Jahr 1960 wird die Tochter Kerstin geboren, diese legt das Abitur ab und erlernt den Beruf einer Köchin. Im Jahr 1989 verlässt sie über Prag die DDR, die Mutter befürchtet, ihre Tochter nie wieder zu sehen. Der 1966 geborene Sohn Holger ist Vater von zwei Töchtern und hat das Schlosserhandwerk erlernt. Im Jahr 1990 schult er zum Maurer um und baut im Westen für sehr gutes Geld Fertigteilhäuser auf. Davon kauft er für seine Familie und für sich ein Haus in dem Ort Obergräfenhain. Der Sohn Bent wird 1968 geboren und ist bis zur Wende als Landwirt tätig und Vater von zwei Töchtern.
Während Astrid Bertram mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt ist, repariert sie in Heimarbeit Strumpfhosen und geht 1971 als Pflegerin in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wechselburg, wo sie zehn Jahre die Nachtschichten übernimmt. Ab 1981 arbeitet sie beim Dienstleistungskombinat im selben Ort. Fünf Jahre später lernt sie ihren jetzigen Mann kennen. Dieser nimmt seinerzeit aktiv an der Bodenreform und an der Gründung der LPG teil. Im Jahr 1990 trifft auch ihn die Arbeitslosigkeit und er geht in den Vorruhestand und 1993 in Rente. Astrid Bertram wird 1990 ebenfalls arbeitslos, wird jedoch noch in Umschulungen und ABM vermittelt, bevor auch sie mit 60 Jahren in die Rente gehen kann. Wenn sie heute auf ihr Leben zurückblickt, empfindet sie vor allem Stolz auf ihre Kinder und ist glücklich in Ruhe und in Frieden leben zu können. Sie sieht ihre Heimat immer noch in Wechselburg und fühlt sich in Frankenberg, wo sie seit 1989 mit ihrem Mann lebt, nicht so wohl. Astrid Bertram gestaltet gern ihre Wohnung um, probiert und verwirft und entwickelt dabei immer wieder neue Ideen. Sie besucht sehr oft ihren Mann im Pflegeheim und kritisiert eine Gesundheitsindustrie, die an den Patienten nur Geld verdienen will. Für sich selbst wünscht sie sich eine gute und professionelle Sterbehilfe, sie will bis zum letzten Atemzug selbst über sich entscheiden können.