MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Hort-Peter Lämmler
Gib niemals auf!
Dessauer Str. 6
06366 Köthen
Fon: 03496 / 212718
Das sagte sich Horst-Peter Lämmler oft in seinem Leben und hat es immer wieder bewältigt. Die Begegnung mit ihm erfolgt in einem Geschichtsträchtigem Haus. Am Eingang verweist ein Schild in altdeutscher Schrift auf den Notar und Rechtsanwalt Lämmler – seinen Großvater. In der Kristallnacht wurde dessen Praxis zerstört. Zwar sorgte sein Bruder – damals Staatsanwalt in Dessau – für Entschädigung, erhielt für „diese Einmischung“ aber die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand. Der Vater von Horst-Peter Lämmler wurde nach dem 2. Staatsexamen zur Wehrmacht eingezogen, erhielt nach Kriegsende Systembedingt keine Zulassung für die Praxis, war damit arbeitslos in der DDR und arbeitete später als Kirchenjurist. Horst-Peter Lämmler selbst wollte nie in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Psychiater wollte er werden, Umgang mit Menschen haben, die anders sind, ihnen helfen zu gesunden. Im Klassenbuch mit dem Zusatz „I“ – gekennzeichnet (Eltern Intelligenz) statt „A“ (Eltern Arbeiter), gab es keine Möglichkeit einen Studienplatz zu erhalten, wie man dem jungen Horst-Peter bereits während der Lernphase unverblümt mitteilte. Das hatte Auswirkungen auf die Einstellung zum Lernen und die Wahl des künftigen Weges. 1968 schloss er das Abitur mit Berufsausbildung (Rinderzüchter) ab, arbeitete ein Jahr im Krankenhaus als Pfleger, um über den zweiten Bildungsweg einen Studienplatz zu erhalten. Der Traum scheiterte an bürokratischen Hürden. So studierte er an der Fachschule für Bibliothekare „Erich Weinert“ in Leipzig (1969–1974, unterbrochen vom Armeedienst), schloss als Bibliothekar (später nachdiplomiert) ab. Im Anschluss in der Stadt- und Kreisbibliothek Köthen eingesetzt, wurde er mit Aufbau der Gemeindeverbände nach Gröbzig delegiert. Von 1982–1987 absolvierte Hort-Peter Lämmler an der Karl-Marx-Universität in Leipzig ein Fernstudium der Kultur- und Literaturwissenschaften, das er mit Diplom beendete. Als er das Thema für seine Promotion erhielt, kam ihm das Neue Forum dazwischen.
Das Bibliotheksnetz in der DDR, bis dahin bereits einzigartig in der Welt, wurde weiter verdichtet mit der Einführung von Zentralbibliotheken im Ortssitz der Gemeindeverbände. Diesem positiven Aspekt des Lebens in der DDR sah Horst-Peter Lämmler aber auch viele negative gegenüberstehen: Es gab Leute, die im Intershop kaufen konnten, ein GENEX-Konto besaßen oder auch westdeutsche Automarken fuhren und es gab die, die 12 Jahre auf einen Trabant warten mussten....Dieses Ungleichgewicht sah er und engagierte sich im Neuen Forum, baute mit einem Freund zusammen eine Struktur in Köthen auf. Sein Ziel war es, zu helfen die DDR zu reformieren, sein Ergebnis: Verhaftung, Verwarnung, Beobachtung und nach der Wende die Erkenntnis, dass auch im neuen System vieles fault. 1990 in den Stadtrat gewählt, war er Köthens erster und letzter Kulturdezernent, da zwei Jahre nach seiner Wahl das Dezernat abgeschafft wurde – aus Kostengründen. Im neuen Kulturamt wurde er erster und letzter Kulturamtsleiter, weil dieses aufgelöst wurde. Die Zeit war geprägt von Strukturänderungen, Wandlungen, Neubeginnen. Er selbst wurde nun in verschiedenste Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Lehrgänge gesteckt, war im Magdeburger Landestouristenverband tätig, einem Gemeinschaftsprogramm des Theaters Dessau, der Kurt-Weil-Gesellschaft und des Anne-Frank-Hauses engagiert. Er lernte Englisch intensiv, arbeitete im Kinder- und Jugendzirkus „Fantasia“ in Köthen. Eine feste Anstellung wurde nie daraus und heute gehört er zu den Empfängern von Sozialleistungen, trotz guter fachlicher Qualifikation und hoher Einsatzbereitschaft. Seine persönlichen Erfahrungen beschreibt er in seinen vier Büchern. Von der Berührungen mit der Beat-Szene der DDR während seiner Zugehörigkeit in der Köthener Band „Set Köthen“ erzählt sein Buch „Schatten, Schemen, Scharlatane“.