MENSCHEN - GESICHTER DER REGIONEN
Gerhard Liehmann
Kohle, Bernstein, Grüne Lunge
Verdienter Bergmann
Thüringer Str. 15
06749 Bitterfeld
Fon: 03493 / 23242
Wer zu DDR-Zeiten drei Telefone zu Hause hatte, galt als entsprechend privilegiert. Für Gerhard Liehmann hieß das Privileg „Arbeit“, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein, war Pflicht für den einstigen Produktionsdirektor des Braunkohlenkombinates (BKK) Bitterfeld seit 1973, die Energieversorgung durch entsprechenden Nachschub zu sichern, wichtigste Aufgabe.
1929 in Aussie an der Elbe-Pokau zur Welt gekommen, verschlug es den Sohn eines Reichsbahners, der gerade eine Laufbahn bei der Post anstrebte, an der Schwelle des Erwachsenwerdens im Zuge der Nachkriegsereignisse nach Mitteldeutschland. Im Geiseltal bei Merseburg fand die Familie 1947 wieder zusammen. Hier im Kohlerevier bot sich der Einstieg ins Bergmannsleben gerade zu an. Gerhard Liehmann begann als Gleisarbeiter, wurde Maschinist, von der Gewerkschaft zum Arbeitsschutzbeauftragten geschult und konnte in Großkayna einen Facharbeiterabschluss als Bergmann erwerben. Bald sah man die Entwicklungschancen und delegierte ihn an die Ingenieursschule in Senftenberg. Danach wurde er in Großkayna eingesetzt, doch als sich im Bitterfelder Revier Probleme bemerkbar machten, mit anderen Bergbauingenieuren dorthin versetzt. Im Tagebau Muldenstein wurde er Betriebsingenieur und Tagebauleiter, 1960–1961 Hauptdispatcher im BKK, wechselte dann für dreizehn Jahre zum Tagebau Holzweißig. Als 1975 in der Grube Goitsche eine Bernsteinader entdeckt wurde, hatte er neben der Kohle auch für den Abbau des seltenen Stoffes zu sorgen, der VEB Ostseeschmuck war dankbarer Abnehmer der letztlich geförderten 800 Tonnen Bernstein. Er stieg zum Produktionsdirektor auf und blieb dies, als 1980 das Braunkohlenkombinat (BKK) Bitterfeld gegründet wurde, nun verantwortlich für eine Belegschaft von 54.000 Leuten. Der „Verdiente Bergmann“ musste 1988 seiner Gesundheit Tribut zollen. Seitdem widmet er sich den Erinnerungen an einstige Bergbauzeiten, war sechzehn Jahre Vorsitzender des 1994 gegründeten Traditionsvereins Bitterfelder Bergleute e. V., erstellte mit anderen eine vierbändige Chronik für das Revier, hielt Vorträge, organisierte die Pflege des musikalischen Brauchtums der Bergleute, sicherte Sachzeugen, sorgte für deren öffentliche Wahrnehmbarkeit. Neben seinem Beruf war Gerhard Liehmann immer lokal engagiert, gehörte zu den Ermöglichern der Bitterfelder „Grünen Lunge“, sorgte für die Installation eines dekorativen Springbrunnens. Sechzig Jahre (Heirat 1949) stand Frau Gisela an seiner Seite, sie verstarb 2009. Mit Partnerin Irmgard darf er heute die Tage verbringen, in denen er immer noch recherchierend, lesend, schreibend der Geschichte der Kohleregion verbunden ist.